Anhang
Zum Forschungsprojekt "Aussteiger, Konvertierte und Überzeugte - kontrastive biographische Analysen zu Einmündung, Karriere, Verbleib und Ausstieg in bzw. aus religiös-weltanschaulichen Milieus oder Gruppen"
I. Zusammenfassung
Im folgenden handelt es sich um eine von den Forschern autorisierte Zusammenfassung des Forschungsprojekts:
Gemeinsamkeiten in den Ergebnissen der vier Teilprojekte
1. Die für alle Teilprojekte gemeinsame Ausgangsfrage, ob sich "Bleiber" und "Aussteiger" in ihren biographischen Hintergründen und Verlaufsformen deutlich unterscheiden lassen, wird von den Teilprojekten verneint oder zumindest relativiert. Diese Kontrastierung hat sich nicht als die markanteste erwiesen. Dies ergibt sich zum einen bereits aus der Differenziertheit der Gruppen- und Organisationsstrukturen in den unterschiedlichen Milieus. Auf der einen Seite stehen die esoterischen Milieus und sogenannten Psychokulte. Dort ist nur bei wenigen Gruppen ein klarer Mitgliedsstatus festzustellen, da sich in bestimmten Strömungen dieses Feldes teilweise keine festen Gruppen bilden, damit auch keine "Einmündungen" oder "Zugehörigkeiten" im eigentlichen Sinne entstehen. Somit kann für diese Segmente auch nicht sinnvoll von "Ausstieg" gesprochen werden. Für fernöstliche Gruppierungen und Milieus finden sich sowohl hohe Grade der Gruppenorganisation, als auch offenere Formen der Partizipation an Angeboten. Auf der anderen Seite stehen Gruppen mit christlich-fundamentalistischer Prägung bzw. radikale christliche Gruppen der ersten Generation, die stärker zu Geschlossenheit nach außen und einer stärkeren Organisiertheit ihrer Mitglieder neigen. Für diesen Teilausschnitt ist die Kategorisierung von "Bleibern" und "Aussteigern" bedeutsamer. Im Milieu christlich-fundamentalistischer Gruppen findet sich mit dem "traditionsgeleiteten Typus" darüber hinaus eine Form der schicksalhaften, frühen religiösen Einsozialisation, die lebensgeschichtlich bestätigend beibehalten oder intensivierend fortgeschrieben wird. Hintergrund ist hier eine deutlich abgeschirmte religiöse Enklave. Auch für diese Form kann nicht sinnvoll von Einstieg oder von "Bleibern" gesprochen werden, da Zugehörigkeit hier von Kindheit an konstitutiv ist. Dieser traditionsgeleitete Typus wird nur für dieses Milieu formuliert, dürfte aber - je deutlicher sich für die anderen untersuchten Milieus ebenfalls längere kulturelle Tradierungen ergeben - auch dort anzutreffen sein. Neben dieser Relativierung der Unterscheidung von Aussteigern und Bleibern durch die Differenziertheit der Milieus ergibt sich eine zweite, noch wesentlichere Infragestellung dieser Konstratierungslinie: Es lassen sich keine typischen Bleiber- und Aussteigerbiographien differenzieren, sondern sowohl für "Bleiber" wie für "Aussteiger" lassen sich analoge Problemlagen oder lebensgeschichtliche Konstellationen feststellen. Entscheidend dafür, ob es zu einer langfristigen sozialen Verortung in einer Gruppe kommt oder diese mehr oder weniger schnell verlassen wird, ist die "Passung" zwischen biographischen Konstellationen, dem in den meisten Teilprojekten als "Lebensthema" bezeichneten zentralen biographischen "Anliegen" der jeweiligen Person und den Möglichkeiten, die die Gruppe für die Artikulation, die Bearbeitung oder Realisierung dieser Lebensthematik bereitstellen kann. Wer länger bleibt, hat sein lebenspraktisches Problem entweder individuell befriedigend gelöst, es stillgestellt oder aber bearbeitet es noch im Kontext der jeweiligen Gruppe. Wer die Gruppe wieder verlassen hat, konnte entweder sein biographisches Anliegen dort nicht lösen oder aber hat dort in der Bearbeitung seines Lebensproblems eine Möglichkeit gefunden, die es ihm erlaubt, die Gruppe wieder zu verlassen. D. h. auch, eine Person kann - mit einem identischen biographischen Anliegen oder Lebensthema - solange sie auf der Suche nach einer optimalen Passung zwischen Person und Gruppe ist, "Aussteiger" aus Gruppen sein und schließlich - nach erfolgreicher Suche - zum "Bleiber" werden. Und umgekehrt kann die Beheimatung in einer Gruppe etwa durch Veränderungen in der Gruppe selbst relativiert werden und somit ein "Bleiber" - mit dem identischen Anliegen, das ihn einst langfristig in diese Gruppe einmünden und "bleiben" ließ - zum "Aussteiger" werden. Die Vorstellung, daß sich "Sekten-Aussteiger" grundlegend von denjenigen unterscheiden, die in neuen religiösen, weltanschaulichen Zusammenhängen und Psychogruppen verbleiben, muß gegenüber deutlich feststellbaren Gemeinsamkeiten gründlich relativiert werden.
2. Diese Überlegungen leiten direkt zu einem zentralen Ergebnis aller Teilprojekte über: Für das Verständnis der Einmündung in neue religiöse, weltanschauliche Zusammenhänge und Psychogruppen muß die gesamte Lebensgeschichte betrachtet werden. Hier lassen sich generell biographische "Grundmuster" oder Problemlagen, die sogenannten "Lebensthemen" herausarbeiten, die für den gesamten Lebenslauf bedeutsam bzw. strukturierend sind und häufig bis in die Kindheit zurückreichen: etwa Suche nach Einbindung und Zugehörigkeit, Suche nach Strukturierung und Halt, Wünsche nach Aufwertung und Einzigartigkeit, nach Neuem und Selbsterweiterung etc. Dieses jeweilige Bündel lebenspraktischer Fragen, Probleme und Herausforderungen bringt das Individuum in unterschiedliche, teilweise parallele oder aufeinanderfolgende soziale Zusammenhänge ein und versucht diese darin zu bearbeiten und zu realisieren. Dies gilt auch für die Annäherung an religiöse, weltanschauliche Zusammenhänge bzw. Psychogruppen. Der Kontext der Gruppe bzw. des jeweiligen Milieus bietet nun jeweils ein spezifisch ausgeformtes Feld, das für die jeweilige biographische Lebensthematik unterschiedliche Möglichkeiten bereit stellt, diese Lebensthematik zur Geltung zu bringen, zu artikulieren bzw. zu bearbeiten. Das Lebensthema wird, wie die biographischen Portraits zeigen, in der Regel so lange bearbeitet, bis sich eine wesentlich bessere oder befriedigende Lösung bzw. "Passung" zwischen biographischen Mustern und Gruppe herstellen läßt. Dabei ergeben sich deutliche Hinweise, daß je enger und unflexibler die Gruppenorientierungen und -anforderungen sind und je weniger interne Spielräume des Verhaltens zugelassen werden, die Passung zwischen Lebensthema und Gruppenstruktur enger sein muß, um eine optimale Balance zu finden. Diese Passung kann sich - wenn eine deutliche Affinität von Gruppe und biographischer Lebensthematik vorliegt - in harmonischen, bei spannungsreichen Konstellationen aber auch in mehr oder weniger konfliktreichen Formen vollziehen.
3. Dieses Ergebnis, daß das Zusammenspiel zwischen biographischen Hintergründen, Lebensthematik und Gruppen bedeutsam für Einmündung, Verortung und Ausstieg aus derartigen Gruppierungen und Strömungen ist, weist deutlich auf einen Eigenanteil der Individuen hin. Damit wird von allen vier Teilprojekten übereinstimmend eine eindimensionale "Manipulations"- oder "Verführungsthese" zurückgewiesen. In keiner der rekonstruierten Biographien waren Gewalt, Manipulation oder "Übertölpelung" das dominante Muster für die Einbindung in die jeweilige Gruppe. Die Hinweise auf manipulative Gruppendynamiken - soweit es im Rahmen biographischer Analysen überhaupt zulässig ist, auf Gruppenprozesse zu schließen - scheinen eher auch für andere soziale Zusammenhänge relevant und keineswegs spezifisch für neue religiöse Bewegungen, Gruppen oder Psychokulte zu sein. Selbst bei jenen Typen, in denen deutlich heteronome Rahmungen vorliegen - im esoterisch-psychokultischen Milieu etwa die Form einer Suche nach Therapie (Typ B) oder der durch Druck oder Beeinflussung durch signifikante Andere erfolgenden Einmündung (Typ C) - sind immer noch eigene Intentionen, eigene Entscheidungs- und Aktivitätsanteile der Individuen festzustellen. Auch in solchen Fällen, in denen der jeweiligen Gruppe ein Manipulationsvorwurf gemacht wird, läßt sich durch die biographische Rekonstruktion verdeutlichen, daß die Manipulationsthematik auch ein grundlegender Bestandteil der Weltdeutung und der Lebensthematik der Individuen ist. Diese Ergebnisse sind nun nicht so zu verstehen, als sollten damit die Einzelnen vollends für problematische oder destabilisierende Verläufe und Erfahrungen in den jeweiligen Gruppen verantwortlich gemacht oder ihnen gar die "Schuld" zugewiesen werden. Aber die Vorstellung, daß es vor allem manipulative Strategien, gezielt eingesetzte "Psychotechniken" bzw. abhängig machende Beeinflussungsformen seien, die Menschen gegen ihren Willen zu hilflos ausgelieferten, fremdgesteuerten Objekten der jeweiligen Gruppen machten, muß angesichts der zahlreichen rekonstruierten Biographien aus heterogensten Milieus sowie mit unterschiedlichsten Verläufen und Erfahrungen deutlich zurückgewiesen werden. Vielmehr kann für jede der rekonstruierten Biographien ein komplexes Zusammenspiel zwischen Lebensthematik und biographischen Verlaufsformen der Individuen einerseits und den Vorgehensweisen und Angeboten der jeweiligen Gruppen andererseits herausgearbeitet werden. Auch für stark konflikthafte bzw. destabilisierende Ablösungs- oder Ausstiegsprozesse verdeutlichen die biographischen Rekonstruktionen der vier Teilprojekte, daß die Individuen noch ambivalent an die Gruppe gebunden sind, so daß entsprechende Beeinflussungen von seiten der Gruppen auch dadurch ihre bindende Wirkung erst entfalten können.
4. Viel deutlicher als zwischen Aussteigern und "Bleibern" lassen sich relevante Kontrastierungen für unterschiedliche Verläufe in den Gruppierungen sowie für die biographischen Folgen, die Kosten oder Möglichkeiten für die Individuen herausarbeiten. Dabei muß die Vorstellung, daß es vor allem dekompensierende, regressive oder destabilisierende Konsequenzen für die Individuen sind, die sie in neuen religiösen Bewegungen, Gemeinschaften und Psychogruppen erleiden, deutlich relativiert werden. Vielmehr zeigt sich eine große Bandbreite unterschiedlicher Verläufe. Neben destabilisierenden Formen kann es zu einer sistierenden, befriedigenden Passung, aber auch zu deutlichen Formen der Transformation und Weiterentwicklung im Rahmen derartiger Gruppierungen und Milieus kommen. Zu welchen Varianten es kommt, hängt vor allem auch damit zusammen, welche biographischen Belastungen und Problematiken, welche individuelle Ressourcen, Bewältigungs- und Handlungsmöglichkeiten die Individuen in die Gruppenzusammenhänge einbringen, welche Handlungsmöglichkeiten die jeweiligen Milieus eröffnen und - wie schon skizziert - zu welchen Passungen zwischen Individuum und Gruppenstruktur es kommt. Hinweise auf destabilisierende Verläufe und Konsequenzen zeigen sich in radikalen christlichen Gruppen etwa in der Form, daß durch die Veränderung von Gruppen eine erreichte "Passung" fragil wird, die Veränderung durch das Individuum aufgrund seiner biographischen Struktur nicht mitvollzogen werden kann und dadurch dramatische und destabilisierende Dekonversationsprozesse eingeleitet werden. Ebenfalls problematisch können sich Ausstiegsprozesse dann vollziehen, wenn biographisch starke Belastungen und psychopathologische Strukturen (z. B. starke Ängste, Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlte etc.) auf seiten des Individuums vorliegen. Wenn die Hoffnung auf Konfliktlösung und kompensatorische Stabilisierung dadurch besonders gefördert wird, daß ein Zusammenspiel verzerrter individueller Wahrnehmungen und entgegenkommender übersteigerter Erzeugung von "Heilungs"-Erwartungen durch die Gruppe entsteht, kann es bei anschließenden Enttäuschungen zu besonders dramatischen, destabilisierenden Dekonversionen kommen. Daneben treten aber auch Dekonversationstypen auf, in denen die Ein- und Ausmündungsprozesse Bestandteil individueller Sinnsuche und Bewältigungen sind, die zu produktiveren Formen der "Passung" führen. Auch in christlich fundamentalistischen Milieus zeigen sich neben sistierenden oder dekompensierenden Formen (insbesondere für den traditionsgeleiteten Typus und abgeschwächt für den Monokonvertiten) produktive und transformierende Erfahrungen im Umgang mit den jeweiligen Gruppen, auch wenn sie beim akkumulativen Häretiker in der Ambivalenz wiederkehrender Enttäuschungen bei der Suche nach einer lebensthematischen Lösung produktiven Bearbeitungsformen schwanken, also auch dort nicht krisenfrei sind. Neben dekompensierenden und krisenanfälligen Typen ergeben sich auch für das esoterische, psychokultische Milieu deutliche Hinweise auf transformierende, relativ krisenfreie biographische Verläufe. Dies gilt vor allem für den Typus A ("aus Interesse, lernbereit"), für den eine aktive, selbstbestimmte Annäherung an die Gruppen und Auseinandersetzung mit ihnen kennzeichnend ist. Ein ähnliches Spannungsverhältnis zeigt sich auch für das fernöstliche Milieu: So zeigen sich in jenen Formen, die als "Rückgriff auf symbiotische Gesinnungsgemeinschaften" gekennzeichnet werden, eher sistierende, stagnierende Konstellationen, indem dort zur Stabilisierung auf Bekanntes zurückgegriffen wird und in der Stillstellung von Offenheit fest Verortung gesucht wird. In den unterschiedlichen Varianten einer "autonomen Lebensführung" in den Gruppen oder in Auseinandersetzung mit ihnen zeigen sich aber auch deutlich transformierende biographische Entwicklungen, die zu einer Stärkung lebenspraktischer Autonomie führen. Besonders eindringlich zeigen sich derartige unterschiedliche Möglichkeiten darin, wie etwa verschiedene Mitglieder von Hare Krishna (ISKCON) diese Gruppe vor dem Hintergrund ihrer Biographie und Lebensthematik unterschiedlich nutzen, erfahren und ihre Leben innerhalb der Gruppe ausgestalten: So wird in zwei Fällen die Gruppe als Rückzug auf eine symbiotische, zyklische Religiosität vor lebenspraktisch autonomen Entscheidungszwängen genutzt, wobei die Suche nach einer symbiotischen Geschlossenheit in einem Fall auch nach dem Ausstieg aus Hare Krishna in der anschließenden Ehe fortgesetzt wird. Demgegenüber zeigt sich in einem anderen Beispiel, wie innerhalb der Gruppe Spielräume für eine Gemeindeorientierung genutzt werden und lebenspraktisch autonome Potentiale gegenüber den einengenden Kindheits- und Jugenderfahrungen gewonnen werden können.
5. Ein weiteres zentrales Ergebnis im Vergleich der Teilprojekte ist, daß es eine große Vielfalt unterschiedlich ausgeformter Biographien, Lebensthemen und Hintergründe bei denjenigen gibt, die sich in neuen religiösen, weltanschaulichen Milieus und Psychogruppen aufhalten oder aufgehalten haben. Es konnten keine für alle gültigen, typischen biographischen Merkmale, Erfahrungen oder sozialen Randbedingungen herausgearbeitet werden. Zwar zeigen sich bei einer Vielzahl der Fälle krisenhafte Zuspitzungen lebensthematischer Probleme seit Kindheit und Jugend, so daß es zu quasi-therapeutischen Hoffnungen auf Stabilisierung oder Nachsozialisation gegenüber den Gruppen kommt. Aber auch diese krisenhaften Formen sind keineswegs zu generalisieren. Vielmehr zeigen sich auch deutlich krisenfreie und keineswegs durch Leidensprozesse gekennzeichnete biographische Verläufe. Zudem gibt es deutliche Hinweise, daß die biographischen Hintergründe und Lebensthematiken keineswegs typisch für diese Gruppen und Milieus sein müssen, was sich exemplarisch daran verdeutlichen läßt, daß die Bearbeitung dieser biographischen Anliegen vor Einmündung oder nach Verlassen der Gruppen auch in anderen sozialen Kontexten erfolgt ist. Zudem ergeben sich für den Vergleich zwischen Individuen, die radikalen christlichen Gruppen der ersten Generation angehören und einer "Kontrollgruppe" von Individuen, die landes- bzw. freikirchlich orientiert sind, keine Hinweise auf deutliche Kontraste. Eine typische biographisch verankerte Disposition für neue religiöse Gemeinschaften und Psychogruppen ist ebensowenig feststellbar wie eine typische "Sektenbiographie".
6. Aus diesen Ergebnissen sind direkte Schlußfolgerungen für die Beratungsgestaltung möglich. Zum einen zeigt sich bei einem Teil der Fälle, daß hier kein direkter Beratungsbedarf besteht, da es zu keinen besonders eskalierenden Konflikten oder starken biographischen Krisen im Zusammenhang mit Einmündung, Verbleib oder Austritt aus Gruppen kommt. Vor dem Hintergrund der herausgearbeiteten Komplexität und Vielfalt der biographischen Problemkonstellationen und der entscheidenden Relevanz der Lebensthematik aber läßt sich für jene Fälle, in denen aufgrund krisenhafter und konflikthafter Zuspitzungen ein deutlicher Beratungsbedarf entsteht, folgern, daß die Beratung keineswegs auf die Gruppenzugehörigkeit oder den Ausstieg begrenzt werden darf. Die Problematik einer derartigen Beratung wird dann schlaglichtartig deutlich, wenn berücksichtigt wird, daß in einem Teil der interpretierten Fälle die lebensgeschichtliche Problematik mit dem Ausstieg aus der Gruppe nicht "erledigt" war, sondern in anderen sozialen Zusammenhängen relevant blieb und weiter bearbeitet werden mußte. Von daher müßte die Beratung in einem umfassenden Sinne psychosoziale Beratung sein, die einzelfallorientiert die biographischen Muster, die Persönlichkeitsentwicklung, die individuellen Dispositionen und Problemkonstellationen einbezieht. Voraussetzung ist eine solide Feldkompetenz, etwa gründliche Kenntnisse über Religion, neue religiöse Gruppen und Bewegungen, Psychogruppen etc.
Vergleich der Typologien
Beim bisherigen Stand der Auswertung konnte für jedes untersuchte Milieu eine Typologie biographischer Verläufe erarbeitet werden, die durch interne Kontrastierungen die Vielfalt biographischer Verläufe, Zugänge und biographischer Folgen für die einzelnen Milieus verdeutlicht. Im Anschluß daran wäre nun ein zusammenfassender Vergleich und eine Kontrastierung der rekonstruierten biographischen Typologien über die Milieus hinweg sinnvoll. Diesem Vorhaben sind beim gegenwärtigen Stand der Auswertung deutliche Grenzen gesetzt. So beziehen sich alle vier Typologien auf die biographischen Prozeßstrukturen, pointieren aber jeweils spezifische Dimensionen, anhand derer die Typologie erstellt wird. So tauchen zwar alle Dimensionen in den jeweiligen Typologien auf, aber es stehen teilweise andere Dimensionen im Vordergrund, die die Typenbildung anleiten. Im Teilprojekt zu fundamentalistisch-christlichen Strömungen sind es unterschiedliche Formen der Einmündung, der Zugangs- und Adaptionsweisen, die zu einer Unterscheidung von drei Typen führen. Im Teilprojekt des esoterisch, psychokultischen Milieus stehen ebenfalls Arten des Zugangs im Mittelpunkt. Im Teilprojekt, das sich mit fernöstlichen Milieus beschäftigt, ist es das jeweilige Verhältnis der Individuen zur lebenspraktischen Autonomie, das die Typendifferenzierung anleitet. Für den Bereich randchristlicher Gruppen ist es die Passung zwischen Biographie, Lebensthema und Gruppe sowie das Ausmaß der Flexibilität bzw. die Enge der jeweiligen Gruppe, wodurch die Typologie strukturiert wird. Durch diese unterschiedliche Dimensionierung ist zur Zeit eine gruppenübergreifende Typologie noch nicht konstruierbar.
So wäre es bedeutsam, danach zu fragen, ob es spezifische biographische Verlaufs- oder Einmündungstypen gibt, die nur in einem Milieu auftreten oder ob in spezifischen Milieus vor allem bestimmte Lebensthemen im Vordergrund stehen. Dies wäre bedeutsam für eine abgesicherte Differenzierung zwischen unterschiedlichen Ausformungen neuer religiöser und weltanschaulicher Milieus. Hier ergeben sich Hinweise: Der "traditionsgeleitete Typus" kommt in dieser Form nur im fundamentalistisch-christlichen Milieu vor. Hier bleibt zu überprüfen, ob dies mit religiösen Tradierungen zusammenhängt, die in dieser Form vor allem im Kontext christlicher Milieus auftreten und dies für andere, relativ traditionslose Milieus zumindest noch nicht gilt. Die Form eines Rückzugs in symbiotische Gesinnungsgemeinschaften mit zyklischer Religiosität kommt in dieser Form nur im fernöstlichen Milieu als Typus vor. Hier bleibt zu überprüfen, ob derartige symbiotisch, einbindungsorientierte Lebensthematiken vor allem in diesem Milieu vorliegen und Einmündungen strukturieren und motivieren.
In allen Milieu-Typologien - darauf wurde schon verwiesen - finden sich auch Typen, die für einen "offeneren", "produktiveren" und "transformatorischen" Umgang mit den Gruppen und entsprechende biographische Prozeßverläufe stehen: z. B. der akkumulative Häretiker, der interessegeleitete, lernbegierige Typus, die unterschiedlichen Formen einer autonomen Lebensführung, etwa als Realisierung eines kleinen gegenläufigen Prinzips in einem Gruppenzusammenhang oder die Möglichkeit, sich mit Hilfe eines opponierenden alternativen Deutungssystems von einem als heteronom erfahrenen biographisch früheren (kindlich-jugendlichen) Deutungssystem abzusetzen.
Offene Fragen und weiterer Forschungsbedarf
Neben diesen relativierenden Hinweisen bleiben auch im Anschluß an die vorgelegten Ergebnisse der Teilprojekte Fragen offen.
So wird deutlich, daß der methodische Zugang der biographischen Rekonstruktion keine Aussagen über die Binnenrealität, die interaktive, soziale Realität von Gruppen und Milieus, von betrieblichen oder organisatorischen Zusammenhängen (etwa im psychokultischen Bereich) erlaubt. Zwar gibt es in den Teilprojekten Hinweise etwa auf eher enge oder offene Gruppen, auf unterschiedliche Passungsmöglichkeiten zwischen Lebensthemen und jeweiliger Gemeinde, finden sich für das fernöstliche Milieu Hinweise auf Veränderungen in bestimmten Gruppen. Insgesamt aber bleibt festzuhalten, daß dies keine Aussagen über die jeweilige Gruppenrealität sind, sondern Aussagen darüber, wie aus der Perspektive unterschiedlicher biographischer Verläufe und lebensthematischer Hintergründe Gruppen und Milieus erscheinen können und welche Relevanz sie für biographische Prozesse gewinnen können. Darüber sind allerdings Erkenntnisse zu gewinnen, wie unterschiedlich Gruppen je nach biographischem Hintergrund erfahren werden und welche heterogenen Erfahrungsräume Gruppen und Milieus je nach biographischem Hintergrund darstellen können.
Hier wäre es nun wichtig, weitere Forschungen anzusetzen, die sowohl die Gruppen bzw. Milieus in Interaktionsfeldstudien untersuchen und diese zu biographischen Studien in Beziehung zu setzen. Dies wäre vor allem auch bedeutsam für die weitere Klärung der Frage nach dem Zusammenhang von Manipulation und Beeinflussung seitens der Gruppen und den biographischen Thematiken und individuellen Ressourcen im Rahmen biographischer Prozesse. Hierzu sind - trotz der vorliegenden deutlichen Relativierungen der Manipulationsthese - die Aussagen aus den biographischen Rekonstruktionen allein noch nicht hinreichend.
Wichtig wäre auch eine weitere Klärung der Spezifik biographischer, lebensthematischer Hintergründe für neue religiöse, weltanschauliche Milieus und Psychogruppen. Das deutliche Ergebnis, daß sich im Durchgang durch die biographischen Verläufe keine generelle "Sektendisposition" oder "-biographie" ergibt, könnte weiter überprüft und dadurch validiert werden, daß maximale Kontrastierungen mit biographischen Verläufen aus religiös und weltanschaulich distanzierten bzw. fernstehenden Milieus durchgeführt würden.
II. Teilprojekt "Attraktivität radikaler christlicher Gruppen der ersten
Generation"
Dipl.-Theologe Wilfried Veeser, Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
An dieser Stelle soll in knapper Form der ausführliche Forschungsbericht zusammengefaßt und in seinen Hauptlinien und Ergebnissen dargestellt werden. Dies geschieht in vier Schritten:
1. Zum Forschungsauftrag und der Methodik
2. Beobachtungen und Ergebnisse
3. Ein "typischer Fall: Frau Fischer
4. Zusammenfassung
Dem Forschungsauftrag liegt die Ausgangsfrage zu Grunde: Was bewegt Menschen, bzw. welche erkennbaren biographischen und persönlichkeitsbedingten Strukturen stehen hinter dem Verhalten, sich an "radikale christliche Gruppen der ersten Generation zu binden, sich dort zu beheimaten, bzw. wieder auszusteigen? Daraus resultiert die weitergehende Frage: Dominieren beim Aufbau der Bindung bzw. beim Vorgang der Akkulturation manipulative Handlungsmuster der Gruppen oder spezifische Befindlichkeiten dieser Menschen, die eine Bindung bzw. Beheimatung als weithin autonomen Versuch der Problemlösung, als Sozialisationsvorgang usw. erscheinen lassen?
Um auf diese und vergleichbare Fragen gesicherte Antworten zu erhalten, formulierte die Enquête-Kommission den in der gemeinsamen Einleitung der vier Forschungsprojekte genannten Forschungsauftrag.
Aufgrund verschiedener Auskünfte bei kirchlichen und staatlichen Weltanschauungsstellen wurde versucht, auf einzelne als "radikal eingestufte randkirchliche Gruppen der ersten Generation zuzugehen, um Interviewpartner für das Forschungsprojekt zu akquirieren. Das Anliegen stieß nur bei wenigen dieser Gruppen auf strikte Ablehnung. Meistens zeigten sie eine recht hohe Bereitschaft zur Kooperation. Dies ließ frühzeitig ahnen, daß die diagnostizierte "Radikalität einer Gruppe zumindest auf der Ebene persönlicher Kontakte und im Erleben ihrer Mitglieder differenzierter zu sehen ist. Nachdem zunächst mit Mitgliedern und Mitarbeitern solcher Gruppen qualitative Interviews durchgeführt wurden, bestätigte sich diese Vermutung v.a. bei einigen pfingstlich/charismatischen Gruppen. Die dort geführten Interviews ließen nach ersten Analysen kaum auf exzessive manipulative Gruppenprozesse oder erhebliche Konfliktfelder schließen. Weitere Interviews wurden mit Mitgliedern solcher Gruppen geführt, die sich auch während dieser Vorlaufphase noch als extrem darstellten. Aus den dadurch gewonnenen Daten kamen insgesamt sechs Insiderinterviews zur vertieften Auswertung. Diese Probanden (Pbn) stammten aus zwei stark heiligungsorientierten Gruppen, die in der Frage der Zusammenarbeit mit Christen anderer Denominationen keine "ökumenische Weite zeigten (A-Gemeinde, D-Gemeinde). Gleichzeitig gelang es, mit sechs Aussteigern aus diesen Gruppen Kontakt aufzunehmen und diese zu interviewen. Die sechs Interviewpartner der Kontrollgruppe stammten aus landeskirchlich und freikirchlich geprägten Gemeinschaften mit deutlich wahrnehmbarer "ökumenischer Weite.
Mit allen Interviewpartnern wurde zusätzlich der Persönlichkeitsstrukturtest (PST) von M. Dieterich (1997) durchgeführt, so daß es möglich wurde, die dort erkennbaren Strukturen als Kontextwissen in die Analyse der Interviewdaten mit einzubeziehen und sie zusätzlich zu kontrastieren (s.u.).
Übersicht über die Interviewpartner
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Verbleiber: |
A-Gemeinde (stark heiligungsorientiert mit hohem Konformitätsdruck, stark missionarisch) |
Frau Adler Frau Braun Herr Carstens Herr Etzel |
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D-Gemeinde (stark heiligungsorientiert mit hohem Konformitätsdruck) |
Frau Claus Herr Geiger |
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Aussteiger |
A-Gemeinde (s.o.) |
Frau Fischer Frau Haug Frau Jung Herr Gölz |
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D-Gemeinde (s.o.) |
Herr Heinrich Herr Jakob |
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Kontrollgruppe: |
S-Gemeinde (evangelische Freikirche) |
Herr Ernst |
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S-Gemeinde (evangelische Freikirche) |
Frau Ernst |
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K-Gemeinde (landeskirchliche Gemeinschaft) |
Herr Decker |
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Evangelische Landeskirche |
Frau Thiele |
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M-Gemeinde (charismaitsch freikirchliche Gemeinde) |
Frau Schäfer |
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L-Gemeinde (charismatisch freikirchliche Gemeinde) |
Herr Walter |
Neben den Ausführungen zur Methodik im gemeinsamen Teil der vier Forschungsprojekte ist hier in besonderer Weise der "psychologische Persönlichkeitstest zu beschreiben.
Beim Einbezug eines empirischen Verfahrens zur Messung der Persönlichkeitsstrukturen der untersuchten Pbn war folgende Frage zu beantworten: Welches quantitative Testverfahren zur Ermittlung der Persönlichkeitsstruktur des Menschen ist so breit angelegt, daß es sowohl veränderbare als auch unveränderliche Aspekte differenzieren kann? Weiterhin sollte von diesem Instrumentarium verlangt werden, daß es die biographisch beobachtbaren Strukturen, wie sie im Kontext von Konversionen und Dekonversionen zu erwarten waren, von den Ergebnissen her nicht statisch einengt oder die Interpretation der qualitativen Interviews nicht paradigmatisch präfiguriert.
Die Wahl fiel auf ein mehrstufiges Testverfahren von M. Dieterich (Persönlichkeitsstrukturtest [PST] 1997), welches drei verschiedene Ebenen der Persönlichkeitsstrukturen (differenziert nach dem Ausmaß der Veränderungsmöglichkeit) unterscheidet und dabei vorhandene und bewährte empirische Instrumente zur Messung der Persönlichkeit aufnimmt. Durch diese Differenzierung von drei Ebenen der Persönlichkeit sind Aussagen zur Stabilität der unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen möglich. Dies ließ erwarten, daß sich diese Strukturen in einem unterschiedlichen Ausmaß in der biographischen Erzählung zeigen und nachweisbar sind. Sie fungieren gleichsam als mehr oder weniger konstante, transformierbare oder eben auch als veränderbare Lebensthemen, die mit dem jeweiligen sozialen Kontext interagieren.
Im einzelnen werden von Dieterich folgende Persönlichkeitsdimensionen beschrieben (1997, 46ff, 72ff, 138ff):
Er unterscheidet bei der Beschreibung der Persönlichkeitsstruktur zwischen den Wesenszügen, der Grundstruktur und der Tiefenstruktur des Menschen. Mit der nebenstehende Abbildung versucht Dieterich, dies modellhaft zu verdeutlichen. Es sind drei konzentrische Kreise. Der äußerste Kreis entspricht den Wesenszügen, demjenigen Anteil der Persönlichkeit, der von anderen wahrnehmbar ist, der den Menschen nach außen hin kennzeichnet und beispielsweise zu Sympathie oder Antipathie führen kann. An diesen Wesenszügen kann man arbeiten, d.h. sie sind durch ein gezieltes Förderprogramm (sofern dies notwendig sein sollte) veränderbar. Die Wesenszüge können sowohl durch eine entsprechende Umgebung (Arbeitsplatz, Familie usw.) als auch durch den Einfluß der "tiefer" liegenden Grundstruktur bzw. Tiefenstruktur entstanden sein. Der zweite Kreis, die sog. Grundstruktur, ist im Unterschied zu den Wesenszügen nicht direkt sichtbar und kann von den Wesenszügen auch deutlich verschiedene Ausprägungen haben. So ist es durchaus möglich, daß man z.B. bei den Wesenszügen eine hohe Ausprägung der Kontaktorientierung zeigt - und bei der Grundstruktur deutliche Ausprägungen einer Introversion vorliegen. Die Grundstruktur ist zumeist im Laufe der Jahre entstanden und deshalb viel stabiler als die Wesenszüge. Die Tiefenstruktur gib Aufschluß über Anteile der Persönlichkeitsstruktur, die in früher Kindheit erworben bzw. teilweise auch vererbt worden sind. Sie ist so stabil, daß eine Änderung nicht angestrebt werden sollte. Auch hier gilt, daß sich ihre Ausprägungen von denen der Grundstruktur und den Wesenszügen deutlich unterscheiden können. Solche Unterschiede erklären oftmals gewisse Spannungen im Leben, sie sind aber durchaus üblich.
Dieterich griff bei der Entwicklung seines Persönlichkeitsstrukturtests auf vorhandene Verfahren zurück.
· Bei den Wesenszügen auf die 16 Persönlichkeitsfaktoren (16 PF) von Schneewind u.a. (1986).
· Bei der Grundstruktur auf das Eysenck-Persönlichkeitsinventar (EPI) (vgl. Eggert, 1983) und bei den Items auf Elemente des Freiburger Persönlichkeitsinventars (FPI-R) (vgl. Fahrenberg 1983). Es werden die Dimensionen Extraversion (introvertiert bis extravertiert) und Neurotizismus oder Emotionalität (stabil bis instabil oder flexibel/emotional) beschrieben. Die Grundstruktur kann zum einen durch die länger andauernde Einwirkung (Lernprozesse) der korrelierenden Wesenszüge entstehen, jedoch in weit größerem Maß durch Anlage bzw. frühkindliche Prägung. Zielgerichtete Änderungen erfordern sehr viel Zeit.
· Bei der Tiefenstruktur: Zu ihrer Ermittlung kommen eher schließende Verfahren in Betracht (wie z.B. qualitative Interviews, durch die Strukturanalysen biographischer Verläufe möglich werden). Mit seiner Eigenentwicklung für diesen Anteil der Persönlichkeit versucht Dieterich dennoch "einen kleinen Spalt zur Tiefenstruktur auf empirischem Wege zu öffnen (154). Dieterich rezipiert das tiefenpsychologische Persönlichkeitsmodell von F. Riemann, welches sich sprachlich wie auch im Blick auf die Operationalisierung für ein solches Verfahren am ehesten eignet, jedoch ohne dessen pathologische Dimension der Beschreibung. Riemann geht von "depressiven, "schizoiden, "zwanghaften und "hysterischen Aspekten aus. Dieterich drückt diese Grundstrebungen durch die Dimensionen "Distanz - Nähe mit dem Gegensatzpaar "sachlich - warmherzig, sowie "Veränderung - Stabilität mit dem Gegensatzpaar "unkonventionell - korrekt aus (vgl. 156).
Es war zu erwarten, daß das biographische Material im Kontext einer intensiven Gruppenbeziehung konkrete Wesenszüge widerspiegeln kann, die sich aber erst im Rahmen der Konversion und der Akkulturation entwickelt haben dürften. Insofern ein bereits vor der Konversion erkennbarer Wesenszug als Lebensthema praktische Relevanz besaß, könnte sich ein solcher im neuen sozialen Milieu wandeln. Dagegen ist bei den Grundstrukturen und vor allem bei den Tiefenstrukturen damit zu rechnen, daß diese sich über die gesamte Biographie hinweg zeigen, wobei sie je nach Interaktionslage mit der Gruppe transformiert werden können, z.B. Hingabe und Nähe in der Tiefenstruktur in unterschiedlichen sozialen Milieus: Nähebeziehungen zu Lehrern und soziale Engagements in der Schulzeit, ehrenamtliche Engagements in Vereinen oder sozialen Gruppen in der Adoleszenz und schließlich nach der Konversion in einer christlichen Gemeinschaft starkes Engagement im Sinne christlicher Nächstenliebe.
Analysen biographischer Interviews ohne Einbezug der empirisch meßbaren Persönlichkeitsstrukturen als Kontextwissen haben ergeben, daß diese Persönlichkeitsdimensionen in der Regel dennoch als Lebensthemen sichtbar wurden. Damit konnte die Sorge in Bezug auf das Methodische, durch den Einbezug der quantitativ ermittelten Persönlichkeitsstruktur quasi ein der biographischen Wirklichkeit nicht entsprechendes Deuteparadigma an das qualitative Interview künstlich heranzutragen, entkräftet werden. Im Gegenteil. Das Einbeziehen dieses Kontextwissens erleichterte vielmehr die Interpretationen insofern, als von vorne herein mit solchen Strukturen zu rechnen war und diese tatsächlich in redundanter Weise jeweils in mehreren Sequenzen aufgefunden werden konnten.
Die durchgeführten Analysen des biographischen Materials sowie der Persönlichkeitsstrukturprofile in den drei Pbn-Gruppen im Feld christlicher Gemeinschaften lassen - über spezifische Typenbildungen hinaus - auf ein dynamisches Passungsmodell zur Erklärung der Einstiegs- und Verbleibsprozesse, der Beheimatungswahrscheinlichkeit, der Konfliktpotentiale und der Fluktuation in christlichen Gemeinschaften schließen. Weiter hat sich im Verlauf der Kontrastierungen gezeigt, daß sich die Biographieverläufe, sowie die Persönlichkeitsstrukturen von Menschen in evangelikalen und charismatisch / pfingstlichen Gemeinschaften randkirchlicher oder eben landeskirchlicher/freikirchlicher Provenienz nicht wahrnehmbar unterscheiden, daß sie vielmehr auf der Ebene des erkennbaren Erlebens relativ große Ähnlichkeiten aufweisen. Zwar lassen sich bei Einsteigern, Aussteigern oder Verbleibern verschiedene Prozesse beschreiben. Die Dynamik dieser Prozesse ist jedoch bei allen sehr ähnlich. Aufgrund dieser Beobachtungen könnte man vermuten, daß dieses vorliegende Passungsmodell für christliche Gemeinschaften überhaupt, womöglich sogar - zumindest in Einzelfällen - auch für andere religiös bzw. quasi-religiös geprägte Milieus zutreffen könnte.
Begriffsbestimmungen
Enge, inflexible vs. weite, flexible Gruppe: Mit den Begriffen "eng und "weit sowie "inflexibel und "flexibel werden in diesem Zusammenhang zwei Dimensionen des Angebotsprofils einer christlichen Gemeinschaft beschrieben:
(1) Die Erkennbarkeit bzw. die Dominanz eines spezifischen (dogmatischen, ideologischen oder glaubensstilmäßigen) Gruppenprofils.
(2) Das Ausmaß des Konformitätsdrucks auf das einzelne Mitglied, mit dem die entsprechende Gruppenkultur einen umfassenden Anspruch auch auf die Privatsphäre des Einzelnen erhebt und Abweichungen sanktioniert.
Eine hohe Flexibilität der Gruppe, bzw. Weite ist dann zu konstatieren, wenn die Gruppenkultur ein kaum wahrnehmbares oder relativ weites, d.h. ein von miteinander konkurrierenden Ideen bestimmtes Profil aufweist, bzw. sie evtl. vorhandene ideologische Ansprüche allenfalls sprachlich artikuliert, diese aber nicht operationalisiert oder gar vom Einzelnen einfordert. Dies führt in der Regel dazu, daß sich unterschiedliche Menschen mit teils sich widersprechenden Bedürfnissen in einer solchen Gruppe beheimaten können, ohne daß alle Strukturen unmittelbar einem spezifischen Profil entsprechen müssen (vgl. z.B. die volkskirchliche Pluralität in theologischer Hinsicht und bei Glaubensstilfragen).
Eine sehr geringe Flexibilität der Gruppe, bzw. Enge liegt dann vor, wenn eine Gruppenkultur ein deutlich erkennbares und enges, d.h. für den religiös Interessierten nicht diskutierbares, homogenes Profil aufweist, dieses in konkreten Handlungsanweisungen operationalisiert wird und Abweichungen vom System der Gemeinschaftsnorm sanktioniert werden (Konformitätsdruck). Oftmals erhebt eine solche Gruppe einen ausgeprägten Absolutheitsanspruch, durch welchen sie zu einer "heilsnotwendige Normen setzenden Größe avanciert. Dies führt in der Regel dazu, daß sich in solchen Gruppen Menschen mit ähnlichen biographischen oder persönlichkeitsbedingten Strukturen und Bedürfnissen beheimaten, da die Gruppenkultur die Angleichung der Personen an die Gruppe einfordert (vgl. Forderungen nach Veränderung des "Charakters, der Schlafgewohnheiten, der sozialen Kontakte usw.).
Hohe Passung vs. niedrige Passung: Mit dem Begriff Passung wird der beobachtete Umstand beschrieben, daß die Beheimatung von Menschen in spezifischen Gruppen aufgrund einer hohen Übereinstimmung ihrer dominanten biographischen oder persönlichkeitsbedingten Strukturen mit der spezifischen Gruppenkultur erfolgt. Eine relative Passung liegt auch dann vor, wenn für die nicht unmittelbar zur Gruppenkultur passenden biographischen und persönlichkeitsbedingten Strukturen und Bedürfnisse gruppeninterne Nischen oder gruppenexterne Bezugssysteme gefunden werden, in denen das Gruppenmitglied seine strukturell bedingten Bedürfnisse hinreichend befriedigen kann.
Beheimatungswahrscheinlichkeit: Die Wahrscheinlichkeit der Beheimatung eines Menschen in einer christlichen Gemeinschaft, d.h. sein relativ dauerhafter Verbleib in diesem religiösen Milieu hängt von dem Grad der Passung seiner biographischen und persönlichkeitsbedingten Strukturen zu dem Profil der Gruppe und umgekehrt ab. Je mehr diese Strukturen des religiös Interessierten zu einer spezifischen Gruppenkultur passen, wird er dort verbleiben, bzw. bei Nichtpassung den Konversions- bzw. Akkulturationsprozeß abbrechen. Auch die umgekehrte Perspektive ist möglich: Je mehr die Gruppenkultur zu den Strukturen des potentiellen Konvertiten passen, desto höher ist die Beheimatungswahrscheinlichkeit. Dies schließt andere Faktoren, die ebenfalls Einfluß auf die Beheimatungswahrscheinlichkeit haben können, nicht aus: z.B. intellektuelle Plausibilität der Lehre, kommunikatives Geschick oder Ungeschick der Gruppenleiter, soziale Anreize im Sinne eines vertrauten gesellschaftlichen Milieus, berufliche und finanzielle Anreize, persönliche Anreize (nicht selten sind wohl erotische Beziehungen im Spiel, die wiederum auch als eine biographische Struktur gewertet werden könnten) usw. Es wird jedoch von einer zentralen Bedeutung der Passung im obigen Sinn ausgegangen.
Konfliktpotential: Mit Konfliktpotential wird der Sachverhalt bezeichnet, daß durch spezifische gruppenbedingte oder biographische bzw. persönlichkeitsbedingte Auslösefaktoren in der Interaktion zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft unterschiedlich starke interne oder externe biographierelevante Konfliktfelder entstehen können. Einerseits birgt eine enge und inflexible Gruppenkultur durch Absolutheitsanspruch und/oder Konformitätsdruck (s.o.) auf den Einzelnen Konfliktpotentiale in sich. Andererseits kann die mangelnde Passung der biographischen oder persönlichkeitsbedingten Strukturen des Einzelnen trotz hoher Motivation zum Verbleib mittelfristig zu Konflikten und zu Dekonversionsprozessen führen. Je inflexibler (s.o.) sich eine Gemeinschaft in ihrem Angebotsprofil zeigt und je geringer die Passung beim Einzelnen ist, desto leichter können Konfliktfelder und damit einher gehende Ausstiegsprozesse entstehen.
Fluktuation: Fluktuation bedeutet, daß durch das "augenscheinliche und zunächst attraktiv wirkende Ausgangsprofil einer Gemeinschaft (vgl. z.B. das Versprechen gelingender Beziehungen in einer subjektiv als fremd erlebten Umwelt) zwar relativ viele Menschen zu weiteren Kontakten stimuliert werden, infolge der Inflexibilität der Gemeinschaft sich jedoch nur solche Biographieträger beheimaten, die eine hohe Passung in ihren biographischen oder persönlichkeitsbedingten Strukturen aufweisen. Je inflexibler (s.o.) sich z.B. eine nach außen hin missionarisch offene Gemeinschaft zeigt, desto häufiger mißlingen Akkulturationsprozesse, weil die Strukturen der Gruppe und des Individuums nicht passen. Dies führt zu einer stärkeren Fluktuation. Bei inflexiblen Gemeinschaften, die weniger missionarisch extravertiert agieren, ist zu vermuten, daß sie sich vielmehr selbst reproduzieren (Großfamilie als Norm) und so relativ weniger Fluktuation aufweisen. Dies dürfte mit dem Umstand zusammenhängen, daß bei solchen Sozialisationsprozessen Teile der Gruppenkultur zu einem festen strukturellen Bestandteil der Biographie geworden sind (vgl. Religion und spezifische Glaubensstile als Lebensthema und -norm).
Alle untersuchten Personen, auch diejenige Pbn-Gruppe, die im randkirchlichen Bereich religiöse Orientierung suchten, wurden in aller Regel von zumeist unbewußten Strukturen und Lebensthemen bestimmt. Diese fungieren als Prinzipien, die das Handeln der Pbn im Rahmen des Konversionsprozesses, des Verbleibs oder der Dekonversion stark strukturieren und bestimmen. Auch wenn man in der Regel für das konkrete Handeln multikausale Zusammenhänge annehmen muß (z.B. ökonomische und systemische Aspekte etc.) werden diese wahrnehmbaren Lebensthemen, bzw. Strukturen im biographischen Verlauf und in der Beziehungsgestaltung zu den jeweiligen Gruppen dominant. Sie scheinen den Menschen auch in seiner religiösen Orientierung nachhaltig zu bestimmen. Aus anderen psychologischen oder psychotherapeutischen Perspektiven werden diese unbewußten Lebensthemen auch als "Lebensstil (individualpsychologisch), allgemein "Übertragungen oder "Projektionen, "Lebensskript (transaktionsanalytisch) bezeichnet. Selbst dann, wenn ein Pb bewußte eigenständige Erklärungsmodelle für seinen Ein- oder Ausstieg entwickelt und in deren Paradigma spezifische kognitive Aspekte zur Begründung seines Verhaltens ins Feld führt (z.B. eine bestimmte, als attraktiv empfundene Lehre einer Gruppe), dominieren jene Strukturen oder Lebensthemen die Entwicklung; die Kognitionen passen sich in aller Regel an diese an (im Sinne der Auflösung kognitiver Dissonanzen). Diese Strukturen und Lebensthemen bestimmen und prägen auch ganz wesentlich die Interaktionen zur Gruppe und mögliche Konfliktfelder bei Unpassungen - unabhängig davon, ob es sich um eine enge, inflexible oder eine weite, flexible Gruppe handelt (s.o.).
Es ist bei allen Pbn-Gruppen beobachtbar, daß es zu mehrfachen Einmündungen und Konversionen, zu unterschiedlichen Akkulturationsprozessen, Dekonversionen und neuen religiösen Orientierungen kommen kann, bis der einzelne Pb entsprechend seiner (zumeist unbewußten) biographischen und persönlichkeitsbedingten Strukturen und Lebensthemen eine hohe Übereinstimmung (Passung) zwischen sich und seinen Bedürfnissen einerseits und der Gruppenkultur andererseits spürt, fühlt, erlebt, glaubt. Die Analyse der vorliegenden biographischen Interviews führen zu dem Eindruck, als suche ein Pb so lange, als experimentiere und teste er, bis er eine für sich befriedigende Passung findet, durch die er in umfassendem Sinn Identität gewinnt, weil das Setting einer Gruppe ein Höchstmaß an Kongruenz und Konformität mit den eigenen Zielen ermöglicht. Dabei scheint es aus sozialwissenschaftlicher Perspektive prinzipiell sekundär zu sein, ob diese Passung in einer religiösen oder in einer säkularen Gruppe gefunden wird. Gerade die beobachtbaren Prozesse des Einstiegs, Verbleibs oder Ausstiegs scheinen den Pbn zu ermöglich, spezifische Lebensthemen, Entwicklungslinien und Verhaltensweisen zu bearbeiten, weiter zu bringen, abzustoppen oder ganz neu zu initiieren. Dabei hat die Gruppe zumeist eine Art katalysatorischen Effekt.
In den erkennbaren Interaktionsprozessen scheinen manipulative Elemente eher von sekundärer Bedeutung zu sein. Sie erscheinen zwar auf der Bewußtheitsebene z.B. im Rahmen von Dekonversionsprozessen als Argumentationshilfen, die das jeweilige Handeln oder Nichthandeln begründen sollen. Für die eigentlichen Entscheidungsprozesse spielen sie jedoch eine eher nachgeordnete Rolle. Diese Beobachtung gilt auch umgekehrt. Bei geglückten Konversionen und Akkulturationen spielen beispielsweise die Gruppenlehre, die gewonnene Tugend, die beanspruchte Ethik, v.a. aber die diversen Evidenzerlebnisse z.B. im Sinne spiritueller Erfahrungen auf der Bewußtheitsebene eine wichtige Rolle. Aber faktisch stellen sie sehr häufig Operationalisierungen dar, die die Bedürfnisse der latenten Strukturen bestätigen, verstärken oder überhaupt erst ermöglichen und weiter entwickeln. Ein Beispiel: Dienen und Hingabe haben eine hohe Wertigkeit im Normsystem christlicher Gemeinschaften. Ein stark warmherziger und altruistischer Mensch dient jedoch unbewußt, bzw. auf der Ebene dieser Bedeutungsstrukturen deshalb, weil er seine tiefsitzende Angst vor Isolation, Einsamkeit und vor sozialer Distanz zu vermeiden sucht. Im Normsystem seiner Gemeinschaft gewinnt er durch sein Handeln jedoch einen tugendhaften Status. Womöglich fungiert er als ein soziales Modell und dient als Beispiel für Selbstlosigkeit, ohne daß er selbst oder die Gruppe wahrnehmen, daß dahinter womöglich schlichte, aber mächtige biographische oder persönlichkeitsbedingte Strukturen stehen, die ein solches Verhalten bedingen und fördern.
Im Blick auf die Dekonversionsprozesse lassen sich nach dem vorliegenden Datenmaterial und aus der Perspektive qualitativer Deutekategorien zumindest drei unterschiedliche Dekonversionstypen beschreiben:
Der Dekonversionsprozeß - und damit auch die in dieser Gruppe erfolgte Konversion - stellt eine Zwischenstation auf dem Weg religiöser Sinnsuche dar. Diese wird - teils vom Betroffenen intentional initiiert - solange vollzogen, bis Pb einen passenden Bezugsrahmen und ein passendes religiöses Setting findet, in dem er sich zumindest mittelfristig dauerhaft beheimaten kann.
In einem solchen Kontext stellen sich Ausstiege meist relativ undramatisch dar. Zwar gehen auch diese mit Konflikten und Frustrationen einher, sie sind aber in ihrer Intensität nicht höher zu bewerten, als andere intentional eingeleitete Handlungsaktivitäten wie Trauerprozesse durch vollzogene Beziehungsabbrüche usw. Auffällig ist, daß diese Gruppe von Aussteigern ihren Ausstiegsprozeß nur teilweise, aber nicht durchgängig im Opfer-Täter-Paradigma deutet; ihnen gelang es vielmehr, diesen Prozeß weitestgehend in die eigene Biographie zu integrieren. Dies führt in der Regel zu differenzierenden Bewertungen der bisherigen Gruppenmitgliedschaft (im Sinne einer Gewinn- und Verlustrechnung). Kommt es in der argumentativen Darstellung dieser Betroffenen dennoch zu negativen paradigmatischen Einschätzungen, kann sich im gegenwärtig gültigen sozialen Umfeld z.B. eine alternative Aussteigergruppe zeigen, an welcher der Aussteiger partizipiert und zu deren Norm dieses Opfer-Täter-Paradigma gehören kann. Dieses bietet für den Biographieträger eine zunächst plausible Deuteperspektive für sein Ausstiegshandeln.
Als sehr dramatisch und konfliktträchtig zeigen sich Dekonversionen nach einem jahrelangen Verbleib in der Gruppe. Bestand zwischen den biographischen Strukturen des Biographieträgers und der Gruppenkultur, bzw. einem konkreten sozialen Bezugsrahmen innerhalb einer Gruppe, weitestgehende Homöostasie und damit eine hohe Passung, wurde das Ungleichgewicht und der daraus entstehende Konflikt nicht durch "Unpassungen seitens des Biographieträgers oder durch den bisherigen Grad der Inflexibilität einer Gruppe stimuliert, sondern durch einen unvorhersehbaren und für den Verbleiber nicht aufhaltsamen Wandlungsprozeß der Gruppe selber, den der Biographieträger aufgrund seiner Konsistenz nicht mitvollziehen wollte oder aufgrund seiner spezifischen Prägung nicht mitvollziehen konnte. Die Auslösebedingungen sowie die Reaktionsmechanismen sind vergleichbar mit ähnlichen alltäglichen Prozessen (vgl. strukturell bedingte Veränderungen der Arbeitswelt mit Selektionsprozessen, denen bewährte Mitarbeiter trotz ihres jahrzehntelangen Einsatzes zum Opfer fallen). In diesem Kontext erleben sich die betroffenen Pbn sehr stark als Opfer. Die bisher vertraute Gruppe kann ihnen durch den Veränderungsprozeß nicht mehr gerecht werden. Die individuelle Symptomatik der Aussteiger kann Tendenzen aufweisen, die an eine Anpassungsstörung erinnern.
Bei deutlich wahrnehmbaren teils prämorbiden psychopathologischen Symptomen (z.B. neurotische Störungen wie Ängsten, Depressionen, ausgeprägten Minderwertigkeits- und Überwertigkeitskonflikten) verläuft der Ausstiegsprozeß konform zum pathologischen Befinden. Vielfach erschien die Gruppenkultur mit ihrem spezifischen Profil beim Erstkontakt aus der Perspektive psychopathologischer Wahrnehmungsverzerrung des Pb als Anbieter von Konfliktlösungen. Oder Pb hoffte, daß die Gruppe ihm katalysatorisch bei der Bewältigung seiner spezifischen Defizite oder Störungen helfen würde. Die Wahrnehmungsverzerrung auf Seiten des Konvertiten kann durch einen korrespondierenden Mangel an Realitätsbezug in der Gruppenkultur bestärkt werden, z.B. überzogene Vorstellungen von durch den Glauben möglichen Charakteränderungen, von Glaubensheilungen usw.
Doch wie im Rahmen alltäglicher Prozesse verzerrte Wahrnehmungsmuster mit der tatsächlichen Realität konfrontiert werden und sich Chancen zur Korrektur bieten, sind solche Vorgänge auch in den Interaktionen des Pb mit seiner religiösen Gruppe feststellbar. Eskalieren diese ohnehin bestehenden prämorbiden psychischen Konflikte aufgrund einer höheren Vulnerabilität, darf dies nicht nur einem rigiden Gruppenmilieu zugeschrieben werden, zumal es in derselben Gruppe gleichzeitig und unabhängig von den Konfliktlagen mit der Außenwelt zu hilfreichen Interaktionen zwischen dem Individuum und der Gruppe kommen kann, die zur Bewältigung einer persönlichen Lebenskrise beitragen. Es ist von einem Beziehungsverhältnis auszugehen, in welchem auch der Konvertit Verantwortung für sein Verhalten trägt, durch das er auf die durchaus bestehenden Veränderungs- bzw. Hilfsangebote der Gruppe eingeht oder nicht. Diese "therapeutischen Effekte entsprechen oftmals einem Handeln aufgrund eines gesunden Menschenverstandes wie es sich auch in beliebigen anderen Alltagserfahrungen zeigen kann. Allerdings konnte auch beobachtet werden, daß ein spezifisches christliches Paradigma (z.B. Gott muß heilen) "sinnvolle Handlungsweisen im Sinne eines "gesunden Menschenverstandes gerade in der Begegnung mit psychisch gestörten Menschen verhindert. Es fehlen häufig klar erkennbare Bewältigungsstrategien (Coping) und entsprechende Handlungskompetenzen.
Dieser Zusammenhang verpflichtet die Diagnostik, nicht nur anamnestisch, sondern auch stark biographisch Strukturen zu erheben. Dekonversionen in diesem Kontext zeigen sich konfliktreich und teilweise dramatisch, wobei diese Dramatik oftmals vor allem mit dem vorhandenen psychischen Gesamtzustand der Persönlichkeit zu tun haben kann, selbst dann, wenn die religiös enge oder inflexible Gruppe als unmittelbarer Stimulus fungiert.
Von allen tangierten Gemeinden stellt sich die A-Gemeinde in ihrer Gruppenkultur, d.h. in ihren Erwartungen an das einzelne Mitglied, in ihrem Werte- und Normsystem, in den intensiven Interaktionsprozessen, in der Struktur und im Ablauf von religiösen Erfahrungen am profiliertesten dar. D.h., daß A-Gemeinde eine eindeutige und spezielle Angebots- und Verhaltensstruktur zeigt, zu der sie ihre Mitglieder anleitet und auch die Details dieses Verhaltens einfordert. Im Blick auf die Aussteiger aus der A-Gemeinde ist zu sagen, daß sie in einzelnen Wesenszügen, jedoch eklatant in der Grundstruktur von den für diese Gemeinde typischen Persönlichkeitsprofilen abweichen.
Diese Beobachtung läßt vermuten, daß bei einem spezifiziertem Angebotsprofil einer Gruppe die Interessenten ebenso spezifische Merkmale aufweisen müssen. Damit ist ein Prinzip beschrieben, welches auch sonst in gesellschaftlichen Selektionsprozessen gilt (vgl. allein die psychologischen Eignungskriterien zur Ausübung verschiedener Berufe oder Aufgabenstellungen wie beispielsweise beim Flugzeugführer). Dies erklärt z.B. die enorm hohe Fluktuation innerhalb der A-Gemeinde. Anfängliche Begeisterung für den alternativen Glaubensstil wird alsbald mit den konkreten Erwartungen der Gruppe konfrontiert. Selbst wenn Interessenten an ihrem "Charakter arbeiten wollen und diese Veränderungsprozesse zur Gruppenkultur gehören, ist dies nicht beliebig möglich. Es mögen sich zwar einzelne Wesenszüge und aufgrund einer hohen Veränderungsbereitschaft auch Teile der Grundstruktur an das Erwartungsprofil anpassen. Doch eine dauerhafte Veränderung der Persönlichkeitsstrukturen ist u.a. nur unter der Bedingung eines sehr hohen Leidensdrucks (wie beispielsweise in dichten ambulanten oder stationären therapeutischen Settings oder spezifischen dauerhaften beruflichen Milieus, die aus welchen Gründen auch immer nicht verlassen oder umstrukturiert werden können und vom Betroffenen Anpassungsleistungen abverlangen) möglich.
Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten randkirchlichen Pbn-Gruppe bildet sich demzufolge am auffälligsten in der Grundstruktur ab. In den Wesenszügen, aber auch in der Tiefenstruktur partizipieren die Pbn dieser Gruppen an den sonst für Menschen aus allen untersuchten christlichen Milieus auffälligen Häufungen, wenngleich sich innerhalb dieser leichte Verschiebungen beobachten lassen.
Ist die Tiefenstruktur oder die Grundstruktur eines Pb stark ausgeprägt, zeigen sie sich im Rahmen des Akkulturationsprozesses als dominant. Um so passender muß sich das Angebotsprofil der Gruppe verhalten, soll dieser Akkulturationsprozeß gelingen, da sich die Grund- und Tiefenstrukturen der Pbn für Veränderungen als sehr widerständig zeigen. Im Vergleich zur Tiefenstruktur und Grundstruktur stellen sich Lebensstilaspekte im Rahmen der Konversion und der Akkulturation flexibler dar. Ein Lebensstil kann leichter in Handlungsnischen eines externen Bezugsrahmens oder gruppeninterner Strukturen ausagiert werden. Tiefenstrukturen und Grundstrukturen erfordern dagegen eine höhere Passung und können nur mit Mühe in Nischenaktivitäten beheimatet werden.
Je weniger die Tiefenstruktur vom Mittelwert abweicht, desto mehr dominieren im Konversions- und Akkulturationsprozeß andere Persönlichkeitsmerkmale, bzw. biographische Strukturen oder Lebensstilaspekte und andere Lebensthemen.
Durch das o.g. dynamische Passungsmodell wird es möglich, die verschiedenen biographischen und persönlichkeitsbedingten Verläufe der Pbn im Rahmen ihres Erstkontaktes zu den Gruppen, des Einstiegs, des Verbleibs oder des Ausstiegs zu verdeutlichen. Exemplarisch geschieht dies am Beispiel von Frau Fischer.
Frau Fischer ist zum Zeitpunkt des Interviews 28 Jahre alt und ledig. Sie studierte Medizin und arbeitet als Ärztin. Pb ist in der evangelischen Landeskirche aufgewachsen und konfirmiert worden. Zwar findet sie in dieser Tradition einen ersten Bezug zum Glauben, kontrastiert diesen aber zu einem bewußten praktizierten Christsein.
Die Erziehungsatmosphäre beschreibt Pb einerseits als sehr behütet und geborgen. Auf der anderen Seite erinnert sie jedoch eine strenge Erziehung, insbesondere im Vergleich zu ihrer jüngeren Schwester. Da diese jüngere Schwester sehr krank war, wurde Pb eine Mitverantwortung übertragen (Hilfe bei den Hausaufgaben, beim Aufbau des Freundeskreises, der Integration der Schwester in der Peergroup usw.). Dies empfand sie jedoch als belastend und in gewisser Weise in Konkurrenz zu ihren eigenen Bedürfnissen nach eigenständigen Außenbeziehungen zu Gleichaltrigen ohne die Schwester. Als Konfirmandin entwickelte sie eigene religiöse Interessen und machte erste eigenständige Glaubenserfahrungen durch die Mitarbeit in einer Jugendband. Sie fühlte sich mit dem Pastor ihrer Gemeinde solidarisch, der aufgrund seiner politischen Überzeugungen und seines Arbeitsstils (Durchführung von Freizeiten) nicht anerkannt wurde und unter Druck stand.
In ihrer Jugendzeit erlebte Pb durch ihre Eltern starken Druck.
· Der Vater wollte, daß sie die gleiche Ausbildung absolviert wie er.
· Die Eltern mischten sich in eine Freundschaft ein und erzwangen deren Auflösung: "da haben sie mich also auch ihn wie mich völlig unter Druck gesetzt.
Erstkontakt und Konversion
Für die Zeit vor ihrer Konversion berichtet Pb, daß sie mit 19 ihr Studium in G-Stadt aufgenommen hat, ohne einen engeren Kontakt zu einer christlichen Gemeinde zu haben. Allerdings konnte sie mit einer Kommilitonin (evangelische Freikirche) hilfreiche Gespräche führen und fand weitere Anstöße zum Glauben. Noch mit 19 wechselte sie den Studiengang, was für sie einen ziemlichen Schock bedeutete. Aus diesem Grunde zog sie nach Großstadt und konzentrierte sich auf das Studium. Anfangs hatte sie kaum Kontakte, nur nach Hause. Schließlich suchte Pb Verbindung zu einer landeskirchlichen Gemeinschaft, wurde dort aber nicht warm. Noch während des Studiums nahm Pb partnerschaftliche Beziehungen zu zwei Nichtchristen auf, was sie insgesamt als starke Krise und als traumatisch erlebte. Einerseits suchte sie diese Kontakte. Andererseits kollidierten diese mit ihrer christlichen Ethik, da sie sich mit Nichtchristen liierte und das erste Verhältnis zugunsten des zweiten Verhältnisses abbrach (was sie aufgrund ihrer Gewissensbindung an die Bibel als "Sünde und unmoralisch empfand). Aufgrund dieser Beziehungskollisionen konzentrierte sie sich auf den Abschluß des Studiums und nur noch auf die zweite Beziehung, trotz aller ethischen Bedenken. Als jedoch dieser Mann sie verließ, erlebte sie sich orientierungslos.
Nach dem Abbruch der Beziehung und dem Examensstreß wurde Pb eines Tages beim Warten auf die U-Bahn von einer Frau (A-Gemeinde, eine stark heiligungsorientierte Gemeinschaft) auf ihren Glauben hin angesprochen. Sie ließ sich mehrmals zu dieser Frau und in die Gottesdienste und Bibelkreise der A-Gemeinde einladen.
Sie fühlte sich von verschiedenen Punkten der A-Gemeinde angesprochen:
· die menschlichen Beziehungen (gleichaltrige Mitglieder, teilweise gemeinsame Interessen)
· die Leute waren unternehmungslustig, was bei aller Planung dieser Aktionen für Pb attraktiv wirkte
· Pb fand Antworten auf ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens
Etwa ein halbes Jahr lang besuchte sie vermehrt die Veranstaltungen der A-Gemeinde. Machte dann aber "einen großen Bogen um sie und verzog nach Übersee gegen den Willen der Leiter, da Pb noch kein Mitglied geworden war. Im Rahmen eines zweimonatigen Praktikums in Übersee besuchte sie auch dort die A-Gemeinde. Die engeren Kontakte zu diesen Menschen sowie insbesondere die Begegnung mit einer Frau, die ein bestimmtes Bibelwort zitierte und erklärte, halfen ihr, ihren Glauben wieder aufzunehmen: "Diese Worte rührten mich an und mir wurde klar, wie großartig diese Verheißung ist und daß sie auch für mich bestimmt ist. Zurückblickend beschreibt Pb die spezifische Wirkung der A-Gemeinde auf ihre Lebenssituation damit, daß sie sich so weit von Gott entfernt glaubte, daß sie sich "von einer gemäßigten' Gemeinde nicht angezogen gefühlt hätte, es mußte vielleicht etwas Extremes und sehr Lebendiges kommen, damit ich überhaupt zu Gott finden konnte.
Zum Ausstieg
Noch während ihres Überseeaufenthaltes löste sich Pb von dieser A-Gemeinde. Schon in Großstadt fiel ihr der Druck in dieser Gemeinde auf. Weiter gewann sie den Eindruck, als wolle man sie "ködern. Sie stieß sich daran, daß die eingesetzten Menschen Autorität beanspruchten, die sie aufgrund ihrer Inkompetenz nicht verdienten. Außerdem ärgerte sie sich über die starke Kontrolle (Anrufe bei fehlender Präsenz). Sie lehnte den Absolutheitsanspruch der A-Gemeinde ab. Irritiert haben sie auch das starke Drängen zum Eintritt, der mit Taufe verbunden war, die Kritik der Gruppe an ihrem Plan, nach Übersee zu gehen (Unterstellung von egoistischen Motiven), wovon sie sich jedoch nicht abbringen ließ. In der A-Gemeinde in Übersee nahm Pb zwar wahr, daß diese etwas freier war. Allerdings machte sie ähnliche Druckerfahrungen und erlebte eine starke Hierarchie.
· Als ein Leiter bei einer Freizeitveranstaltung zu spät kam, wartete die Gruppe anderthalb Stunden und war nicht zu einer Revision des ursprünglichen Planes ohne den Leiter bereit. Als dieser dann doch noch kam, gab es keine Entschuldigung.
· Stark hat sie ein persönlicher Bericht einer 17 jährigen Frau berührt, die wohl in der A-Gemeinde aufgewachsen war, dort ausbrechen wollte, aber schließlich aufgrund eines starken Drucks seitens der Eltern und der Gemeinde reintegriert wurde.
· Ein weiterer Grund für ihre Entscheidung zum Ausstieg war die Erwartung, daß jeder, der eine zeitlang in der A-Gemeinde war, auf der Straße "Menschen fischen sollte, gleich, ob dies den Betreffenden lag oder nicht.
Neuorientierung
Der Ausstieg aus der A-Gemeinde bedeutete für Pb nicht die Aufgabe ihrer religiösen Orientierung, sondern die Suche nach einer anderen Gemeinde, was sie nach ihrer Rückkehr aus Übersee sofort tat. Sie wollte Menschen treffen, die die Bibel ernst nehmen, die liebevoll sind und bei denen sie sich geborgen fühlen konnte. Schon in der A-Gemeinde hatte Pb geschätzt, daß man eingeladen und überallhin mitgenommen wurde, daß man Kontakt fand und persönlich angesprochen wurde. Über eine Arbeitskollegin stieß Pb schließlich zur einer evangelikalen freikirchlichen B-Gemeinde, schloß sich dort an und arbeitet dort mit.
Lebensthemen und biographische Strukturen
"Druckerfahrungen als Lebensthema
In einem Brief, den sie nach dem Interview an den Autor schrieb, berichtet Pb davon, wie diese Begegnung bei ihr weitere Reflexionsprozesse in Gang gesetzt habe. Gerade bei der Frage nach Lebensphasen, in denen vergleichbar zur A-Gemeinde ähnliche "Druck-Situationen auftraten, resümiert sie: "Mir ist aber durch das Interview bewußt geworden, wie häufig und intensiv Druck in meinem Leben eine Rolle gespielt hat und auch noch spielt. Ich neige dazu, mich selber unter Druck zu setzen oder mich unter Druck setzen zu lassen. Daran möchte ich zukünftig arbeiten.
Druckerfahrung und daraus sich ergebende Verhaltensreaktionen und Interaktionsmuster stellen eine markante erfahrungsdominante Struktur dar, deren Transformation in den unterschiedlichen Lebensphasen deutlich erkennbar ist (s.o.).
Z.B. in der Adoleszenz
Im Rahmen ihrer Argumentation für den Ausstieg aus A-Gemeinde in Übersee, erzählte Pb eine erhellende Situation (s.o.): den Bericht einer 17 jährigen Frau, die aufgrund des starken Drucks durch die Eltern und die A-Gemeinde in Übersee den Ausstieg nicht schaffte, sondern reintegriert wurde. Der Text läßt den Schluß zu, daß Pb hier den Mechanismen starker Übertragung folgte. Offensichtlich erinnerte diese junge Frau die Pb an ihre eigene Drucksituation aufgrund der elterlichen Einmischung in die Frage der Berufswahl und der eingegangenen ersten Liebesbeziehung. So empfand Pb für jene Erzählerin ein tiefes Mitgefühl: "also sie .. setzten mich (die 17 Jährige, Vf) eben unter Druck' .. also ihre Eltern (atmet laut aus) .. und äh .. sie hat es dann eben nicht geschafft rauszukommen', und ist dann wieder- also voll integriert worden .. in die Gemeinde.(sehr leise). Wie an anderen Stellen des Interviews signalisiert das heftige oder laute Ausatmen deutlich wahrnehmbare innere Erregung und Spannung. So läuft der Spannungsbogen dieses Satzes exakt parallel zur eigenen Lebensgeschichte: Der Versuch, sich gegen den elterlichen Willen durchzusetzen, das Nachgeben, schließlich das Hinnehmen und die Frustration des eigenen Scheiterns. Pb deutet diesen Vorgang vor der Folie des eigenen biographischen Prozesses bis in die Intonation des Satzes und mit unübersehbaren körpersprachlichen Signalen des innerlichen Mitleidens als problematisch. In ihrer Erzählung durchlebt Pb ihre eigene Adoleszenzkrise nach.
Gab Pb bei der Berufswahl dem elterlichen Druck nach, fand sie hinsichtlich ihrer Beziehungswünsche einen Ausweg aus dem elterlichen Drucksystem, indem sie die bereits erwähnten Beziehungen einging.
In der B-Gemeinde
Die Umbruchsituation der evangelikalen B-Gemeinde (Aufbau einer Tochtergemeinde) führt zu einer starken zeitlichen und kräftemäßigen Beanspruchung der Pb. Allerdings bewältigt sie diesen Druck, indem sie die Perspektiven der anderen übernimmt, die ebenso unter Druck stehen und zu denen sie selbst solidarisch handeln will. Zum anderen sieht sie auch ein Ende dieses Zustandes, indem sich immer mehr Menschen in dieser B-Gemeinde beheimaten und sich die Lasten verteilen.
Fazit zum Problemkreis "Druck:
Auf Druck jeder Art reagiert Pb höchst sensibel und abwehrend. Es gibt allerdings Druckerfahrungen, die Pb kognitiv zuordnen und demzufolge in das eigene Verhalten und Erleben integrieren kann. Dann fungieren Streßsituationen aufgrund eigener Normen, Erwartungshaltungen oder "objektiver Notlagen im sozialen Beziehungsfeld als "Eustreß, d.h. als Anregung, das Unausweichliche zu tragen und anzunehmen.
Lebensthema: "Gabenorientiert leben
Der Wunsch der Pb ist es, nach ihren Gaben zu leben. Damit meint sie, daß eine Gemeinde darauf achten soll, was ihre jeweiligen Mitglieder an Kompetenzen und Fähigkeiten einbringen. Pb sieht für sich nicht die "Gabe des "Evangelisierens und erlebte von daher die Forderung der A-Gemeinde als sehr schwierig. "So bin ich einfach nicht vom Wesen' also das .. kann ich irgendwie nicht' .. so, ich kann gut und gerne mit der Musik; das fällt mir ganz leicht', aber .. jetzt nicht so unbedingt in Worten. Jetzt in- .. daß ich (atmet tief durch) jetzt .. mich ja, .. vor andern jetzt da äh .. erzähle. Ihr beständiger Wunsch bleibt es, in einer Gemeinde beheimatet zu sein, in die sie von ihren Gaben her "hineinpaßt.
Lebensthema: Umgang mit Macht und Bestimmen
Um die Interaktionsprozesse mit Mitgliedern der A-Gemeinde und den Ausstiegsprozeß hinreichend erfassen zu können, ist es notwendig, sich auch die Geschwisterrolle einer Erstgeborenen, die dazu hin noch ausdrücklich elterliche Verantwortung zugewiesen bekam (s.o.), zu verdeutlichen. Der Interviewtext läßt klar erkennen, wie die erlernte dominante Rolle einer Erstgeborenen mit den Versuchen gleichaltriger Gruppenmitglieder der A-Gemeinde, die Verhaltensweisen und Denkweisen der Pb zu bestimmen, kollidiert. Vor allem dann, wenn in solchen Interaktionen nicht Echtheit vorherrscht, sondern für Pb durchschaubare und auf Macht gerichtete Kommunikationsprozesse im Vordergrund stehen, die primär auf Gehorsam abzielen.
Persönlichkeitsbedingte Strukturen
Sachorientierung (Wesenszug)
Diese Tendenz trat im Interviewtext sehr offensichtlich zu Tage und stellt zusammen mit der Introversion der Grundstruktur einen wichtigen Grund dafür dar, daß Pb in der A-Gemeinde nicht verblieben ist. Der ganze Gemeinde- und Glaubensstil der A-Gemeinde ist auf intensive Kontaktnahme gerichtet. Kam dies der leichten Warmherzigkeit womöglich entgegen, kollidierte der Erwartungsdruck der A-Gemeinde an dieser Stelle ganz eindeutig mit den Möglichkeiten der Pb.
Selbstbehauptung (Wesenszug)
Die leicht überdurchschnittliche Tendenz zur Selbstbehauptung gehört zur biographischen Erfahrung der Pb. So stand Pb unter moralischem Druck, als ihr seitens der A-Gemeinde der Wunsch, nach Übersee zu gehen, als Egoismus ausgelegt wurde. Dennoch vermochte sie sich durchzusetzen. Auch in anderen Situationen widersprach Pb der Gruppennorm.
Introversion (Grundstruktur)
Im Bereich der Grundstruktur bestätigte sich im Rahmen der Auseinandersetzung mit der A-Gemeinde die leichte Tendenz der Pb zur Introversion. Mehrfach kam es zu Kollisionen:
· Wie alle Mitglieder der Gemeinde sollte Pb missionarisch auf der Straße tätig werden. Dies kollidierte sehr stark mit ihren "Gaben (s.o.).
· Ein Grund für die erfolgreiche Akkulturation in der B-Gemeinde lag in dem Umstand, daß diese Gruppe die Pb mit ihren "Gaben akzeptiert hat und dies zu einer relativ starken Passung führte.
· Pb unterscheidet sich selbst nachdrücklich auch von anderen Mitgliedern der B-Gemeinde, die beispielsweise eher enthusiastisch nach außen gehen und sich in aller Öffentlichkeit betend, singend oder handelnd darstellen können, während sie selbst sich Aufgaben widmet, in denen sie sich kontrollierter verhalten kann.
Einzelheiten des PST für Frau Fischer:
Die Offenheitsskala zeigt, daß Pb zwar eine leichte Tendenz in Richtung verschlossen, bzw. sozial erwünscht zeigt, das Ergebnis (4) aber dennoch die Testauswertung ohne Einschränkung zuläßt.
Bei den WZ ist allein das abstrakte Denken auf dem 4% Niveau. Deutliche Tendenzen gibt es nur noch bei der Unkonventionalität (8), der Unbefangenheit (3) und der inneren Gespanntheit (8).
In der Grundstruktur ist Pb etwas im Quadranten Introvertiert-Stabil (4/4). Die Tatsache, daß Pb in den WZ eine leichte Tendenz zur Sachorientierung zeigt, könnte dafür sprechen, daß sie in der GS bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 1 womöglich noch stärker in Richtung der Introversion neigt, was sich in den Analysen des Interviews bestätigt hat. Was sich hier in den WZ und der GS als kongruent erweist, ist in der TS leicht gegenläufig. Es zeigen sich leichte warmherzige Anteile (6). Der durchschnittliche Summenwert auf der U-Achse (32) führt Pb von 1,5 korrekt bis 6,5 unkonventionell. Dies bedeutet, daß Pb neben ausgeprägten korrekten Anteilen auch deutlich unkonventionelle Verhaltensweisen im Sinne der TS offenbaren kann. Insgesamt sind die Ergebnisse der TS jedoch als mittelwertig (Warmherzigkeit 6 / Korrekt 4) zu interpretieren, so daß allenfalls von leichten Tendenzen gesprochen werden kann, zumal der Summenwert auf der W-Achse relativ niedrig ausfällt.
Bei den sozialen Orientierungen ergibt sich die folgende Gegenüberstellung:
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WZ: Sachorientierung (leichte Tendenz, 4) |
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GS: Introvertiert (leichte Tendenz, 4) |
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TS: Warmherzig (leichte Tendenz, 6) |
Die Zusammenhänge zwischen der TS und den WZ, soweit sie auffällig sind, lassen sich wie folgt darstellen:
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TS: Sachlich |
TS: leicht warmherzig (6) |
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Sachorientiert (leichte Tendenz, 4) |
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Selbstbehauptung (leichte Tendenz, 7) |
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Vertrauensbereitschaft (leichte Tendenz, 4) |
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Unbefangenheit (deutliche Tendenz, 3) |
Von den sechs möglichen Zusammenhängen zur W-Achse zeigen nur zwei eine leichte gegenläufige Tendenz (Sachorientiert und Selbstbehauptung), während die Vertrauensbereitschaft und die Unbefangenheit der WZ die leichte Warmherzigkeit bestätigen.
Die Zusammenhänge zwischen der U-Achse und den WZ ergeben folgende Gegenüberstellung:
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TS: leicht korrekt (4) |
TS: Unkonventionell |
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Unkonventionalität (deutliche Tendenz, 8) |
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Selbstvertrauen (leichte Tendenz, 4) |
Nur zwei der in Frage kommenden sechs möglichen Zusammenhänge zeigen relevante, und zwar zur leichten Korrektheit gegenläufigen Werte: Die deutliche Tendenz zur Unkonventionalität in den WZ und die leichte Tendenz zum Selbstvertrauen.
Diese Darstellungen lassen den Schluß zu, daß Pb nach außen hin vermutlich stärker sachbezogen, sich selbst vertrauend, durchsetzungsfähig und unkonventionell wirkt oder sich so darstellen will (vgl. Offenheitsskala, 4), als dies ihren Bedürfnissen aus der TS entspricht. Als mögliche Ursache können hierbei entsprechende Lebensstilüberzeugungen oder andere biographische Strukturen vermutet werden.
Allerdings muß nochmals betont werden, daß die meisten Werte im Mittelbereich liegen, d.h., daß Pb von ihrer Persönlichkeitsstruktur her eher einem mittleren Maß folgt und sich vor diesem Hintergrund nur wenig von der Normalpopulation unterscheidet.
Zusammenfassung
Der vorliegende biographische Verlauf vor dem Hintergrund von Einstieg und Ausstieg in religiöse Gruppen wird nachhaltig durch mindestens drei Strukturen und Lebensthemen dominiert:
· Kritische Auseinandersetzung mit Pbn einengenden Drucksituationen, deren Vermeidung und Eliminierung.
· Vermeidung von Aktivitäten, die den Introversionsbedürfnissen entgegenstehen.
· Konfliktlagen aufgrund der Inanspruchnahme oder der Ausübung von Macht insbesondere durch Peers gegenüber der Pb oder anderen, ohne daß Pb als Subjekt beteiligt ist.
Es ist festzuhalten, daß das spezifische Angebotsprofil der A-Gemeinde eine katalysatorische Wirkung auf die Bewältigung einer akzidentiellen Lebenskrise der Pb hatte, ohne daß der Akkulturationsprozeß in diese Gemeinde zum Abschluß kam. Sowohl das Einlassen auf das Angebot der A-Gemeinde als auch der Ausstieg aus dieser Gruppe hatte "heilende, therapeutische Effekte für Pb.
Der Persönlichkeitsstrukturtest konnte durch seine internen Korrelationen trotz der überwiegend mittleren Werte auf einen im Datenmaterial relevant gewordenen Aspekt hinweisen. Es zeigte sich die latente Struktur eines eher sachbezogenen bzw. introvertierten Verhaltens, welches in die verschiedenen Lebensphasen transformiert wurde.
Die Analysen machten auch deutlich, daß im vorliegenden Fall im Vergleich zu sonstigen religiösen Gruppen zwar eine Tendenz zu spezifischen Gruppendynamiken oder manipulativen Interaktionsmustern beim Erstkontakt und den weiteren biographischen Entwicklungen zu finden ist, insgesamt jedoch der Eigenanteil der Pb beim Einstieg und Ausstieg deutlich überwiegt.
Im Interaktionsprozeß zwischen der Pb und der A-Gemeinde wurde sichtbar, daß das spezifische Angebotsprofil eine nur ungenügende Passung seitens der Pb fand. Zwar war es ihr möglich, einen konkreten Lebenskonflikt im Rahmen des Erstkontaktes und der anfänglichen Akkulturation konstruktiv zu bearbeiten. Sie profitierte auch spirituell zumindest von der A-Gemeinde in Übersee. Doch gelang es ihr nicht, dominante biographische und persönlichkeitsbedingte Strukturen, bzw. Lebensthemen im Milieu der A-Gemeinde zur Passung und damit zur Beheimatung zu bringen. Dies zog zwangsläufig den Ausstieg aus der A-Gemeinde und den Einstieg in eine neue Gemeinde, zu der sie paßt, nach sich.
(1) Menschen, die bewußt in randkirchliche Gruppen, in etablierte Freikirchen oder Landeskirchen einsteigen, dort verbleiben oder aber solche Milieus wieder verlassen, scheinen dabei sehr stark von biographischen und persönlichkeitsbedingten Strukturen und Lebensthemen bestimmt zu werden. Diese Strukturen und Lebensthemen werden sowohl in qualitativen Interviews als auch in psychologischen Persönlichkeitstests sichtbar.
Beispiele für solche Strukturen oder Lebensthemen: Warmherzigkeit - kann ein schon seit der Jugendzeit bestehender hoher Altruismus auch in der Gruppe gelebt werden? Lebensziel Familie - bietet die Gruppe das Forum, um z.B. dieses Lebensziel mit sozialer Unterstützung und Kontrolle wagen zu können? Korrektheit - findet der Pb im Milieu der Gruppe klar strukturierte Normen und Werte, durch die er sein Verhalten überprüfen kann?
(2) Bei den Konversions-, Karriere- und Dekonversionsprozessen zeigte sich, daß von mehreren konstanten Faktoren im Sinne eines dynamischen Passungsmodells ausgegangen werden muß: Der Enge / Inflexibilität vs. Weite / Flexibilität einer spezifischen Gruppe einerseits und der niedrigen vs. hohen Passung des Konvertiten andererseits. Je inflexibler das Profil einer Gemeinschaft ist und je mehr sie darauf besteht, daß jedes Mitglied z.B. ähnlich handelt, denkt und fühlt, desto mehr müssen in Bezug auf den Konvertiten dessen Strukturen und Lebensthemen passen. Wenn einzelne, weniger dominante Strukturen keine Passung zum Gemeindeprofil finden, entscheidet über den dauerhaften Verbleib offenbar die Frage, ob für diese Strukturen intern oder extern "Nischenplätze gefunden werden können oder nicht.
Ein Beispiel: Die Gruppenkultur fordert wöchentlich drei straßenmissionarische Einsätze von ihrem Mitglied. Der Betroffene ist jedoch aufgrund seiner starken Introversion und Sachlichkeit nicht in der Lage, ein solches Verhalten dauerhaft durchzuhalten. Er profitiert aber persönlich aufgrund seiner starken Minderwertigkeitsgefühle von der Exklusivität der Gruppe. Dann scheint ein Verbleib nur in dem Fall zu gelingen, wenn er für seine starken Rückzugsbedürfnisse aufgrund der Introversion und Sachlichkeit eine Nische findet, z.B. in der Funktion als verantwortlicher Mitarbeiter in der Technik, was ihm den unmittelbaren Kontakt zu fremden Menschen erspart.
(3) Auffällig war die Beobachtung, daß es bei einzelnen Pbn in allen Pbn-Gruppen mehrfache Einstiegs- und Ausstiegsverläufe gab. D.h., diese Personen waren vor dem Hintergrund ihrer biographischen und persönlichkeitsbedingten Strukturen auf der Suche nach einer möglichst hohen Passung. In diesem Rahmen erscheint ein Ausstieg jeweils relativ undramatisch. Der oft kurzzeitige Verbleib (wenige Monate bis ca. zwei Jahre) und sogar die Ausstiegserfahrungen werden in der Regel in die eigene Biographie konstruktiv integriert. Pbn scheinen bei solchen Verläufen zu experimentieren, bis sie in einer bestimmten Gruppe eine möglichst befriedigende Passung erleben.
Beispiel: Bereits nach wenigen Monaten erkannte ein Pb, daß die randkirchliche Gruppe nicht der passende Platz für ihn darstellte. Allerdings genoß er es als Quasi-Verbleiber, die verantwortliche Elite mit eher häretischen, von der Gruppenideologie abweichenden Gedanken zu konfrontieren und in diesem Beziehungsverhältnis eine exklusive Sonderrolle einzunehmen. Nach ca. einem Jahr beendete er seinen "Test und verließ die Gruppe endgültig. In der anschließenden Aussteigergruppe erschien er offenbar als einer, der die ehemalige Gruppe ziemlich genau durchschaut und sie souverän getestet hat. Dadurch nahm er erneut eine beeindruckende Sonderrolle ein und transformierte damit sein auffälliges Lebensthema starker Überwertigkeit und der religiösen Sinnsuche.
(4) Soweit dies mit den in dieser Untersuchung angewandten Methoden und bei den tangierten randkirchlichen Gemeinschaften sichtbar werden konnte, sind die beobachtbaren gruppeninternen Konflikte im Rahmen von Ausstiegsprozessen und manipulative Gruppendynamiken z.B. beim Erstkontakt oder dem Akkulturationsprozeß prinzipiell keine anderen als in vielen alltäglichen sozialen Situationen. Beziehungskonflikte gibt es auch in Familien und in der Abhängigkeit von rigiden Arbeitgebern. Komplizierte und traumatische Trennungsprozesse von Ehepaaren scheinen ähnliche Spuren zu hinterlassen wie belastende Ausstiege aus randkirchlichen Gruppen. So scheinen für die Frage des Einstiegs, des Verbleibs oder des Ausstiegs in randkirchlichen Gemeinschaften manipulative Techniken eher sekundär zu sein.
Beispiel: In kurz aufeinander folgenden Sequenzen berichtet ein Pb einerseits von dem hohen Prestigegewinn durch die Exklusivität der Gruppe und durch seine Zugehörigkeit zu deren Elite. Andererseits stellt er nach dem schmerzvollen und über mehrere Monate andauernden Ausstiegsprozeß seinen Jahre zurückliegenden Einstieg als manipulativ dar ("gefischt oder "gefangen werden). Selbstverständlich sind solche manipulativen Methoden bei der Akquirierung von Mitgliedern (wie auch bei zweifelhaften oder unmoralischen Anwerbungen von Kunden im Alltagsleben) beobachtbar. Aber Pb nahm diese zugunsten des erwarteten und über mehrere Jahre erhaltenen Gewinns zustimmend in Kauf.
(5) Man kann nach den vorliegenden Analysen und aus der Perspektive der Pbn nicht prinzipiell von einer "radikalen oder "gefährlichen Gruppe sprechen, selbst dann nicht, wenn zweifelsfrei beschwerliche und problematische gruppeninterne oder externe Konflikte bestehen. In allen tangierten Pbn-Gruppen waren sowohl gruppeninterne, traumatische Konflikte zwischen dem Individuum und der Gruppe als auch heilsame und geradezu therapeutische Interaktionsprozesse und zwar auf allen Ebenen des Einstiegs, des Verbleibs und des Ausstiegs beobachtbar. Über die Frage, ob und wie diese Begegnungen traumatisch und konfliktträchtig oder heilsam und im Sinne einer Progression verlaufen, entscheidet vielmehr das Ausmaß der Passung zwischen dem Gruppenprofil und den Strukturen und Lebensthemen seitens des Konvertiten.
Beispiele: Auf der einen Seite war zu beobachten, daß ein spezifisches randkirchliches Gruppenmilieu als Auslösebedingung für eine psychische Krise - allerdings aufgrund einer hohen prämorbiden Vulnerabilität - fungierte und psychische Auffälligkeiten im Rahmen des Akkulturations- und Ausstiegsprozesses eskalierten. Andererseits bot dieses rigide Erwartungsprofil der Gemeinde für andere Pbn das Setting, in dem sie spezifische Störungen überwinden konnten (z.B. soziale Ängste durch kognitiv-therapeutische Aspekte: Du kannst das! Gott macht Dich stark! Vertraue und handle! etc.).
(6) Nach der Kontrastierung ist davon auszugehen, daß die Menschen in allen drei Pbn-Gruppen (Einsteiger, Aussteiger, Kontrollgruppe) vor dem Hintergrund der prinzipiellen Wirksamkeit dominanter biographischer oder persönlichkeitsbedingter Strukturen und Lebensthemen nicht zu unterscheiden sind. Es gibt nach den vorliegenden Daten keine typische "Sektenbiographie oder "Sektenpersönlichkeit. Somit ist es aus sozialwissenschaftlicher Perspektive zwar formal richtig, von sogenannten Einsteigern, Verbleibern und Aussteigern in randkirchlichen Gruppen zu sprechen. Inhaltlich ist diese statische Beschreibung jedoch problematisch und bildet die soziale Wirklichkeit nur unzureichend ab. Im Grunde ist - und hiervon bleiben religiöse, kirchliche oder andere gesellschaftliche Perspektiven unberührt - aus dieser Perspektive auch der Begriff "Sekte für die tangierten randkirchlichen Gemeinschaften eher problematisch und wird der sozialen Wirklichkeit der einzelnen Individuen nur unzureichend gerecht.
(7) Am Ende dieser Betrachtungen drängt sich eine Konsequenz für die Begegnung mit Verbleibern und v.a. mit Aussteigern auf: Jede Form der Beratung sollte zuerst ganzheitlich, d.h. auch unter Einbeziehung biographischer und persönlichkeitsbedingter Strukturen und Lebensthemen sowie religiöser Fragestellungen, diagnostizieren und dann erst therapeutisch helfen. Eine ganzheitliche, für alle Lebensbereiche offene Beratung ist günstiger als ein Hilfsangebot, das sich fast ausschließlich auf die unmittelbaren Gruppenerfahrungen fixiert. Nur so wird es möglich sein, unter Absehung persönlicher oder gesellschaftlicher Stereotypen oder Projektionen gegenüber randkirchlichen Gruppen im Sinne der sozialen und biographischen Wirklichkeit zu beraten und zu begleiten.
Literatur:
An dieser Stelle sei auf folgende Publikationen hingewiesen:
Dieterich, M.: Persönlichkeitsdiagnostik. Theorie und Praxis in ganzheitlicher Sicht. Wuppertal und Zürich, 1997.
Eggert, D.: Eysenck-Persönlichkeits-Inventar E-P-I. Göttingen 1983.
Fahrenberg, J. u.a.: Das Freiburger Persönlichkeitsinventar FPI. Göttingen 1983.
Riemann, F.: Grundformen der Angst. München und Basel 1982.
Schneewind, A.; Schröder, G.; Catell, E.B.: Der 16-Persönlichkeits-Faktoren-Test (16PF). Bern, Stuttgart, Wien 1986.
Strauss, A. L.: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen und soziologischen Forschung. Aus dem Amerikanischen von A. Hildenbrand und einem Vorwort von B. Hildenbrand. UTB 1776) München 1994.
Zinser, H.; Schwarz, G.; Remus, B.: Psychologische Aspekte neuer Formen der Religiosität. In: Veröffentlichungen am Religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität Berlin. Empirische Studien Band 1. Medienverlag Köhler, Tübingen 1997.
III. Teilprojekt "Biographieverläufe in christlich-fundamentalistischen Milieus
und Organisationen"
Prof. Dr. Heinz Streib, Universität Bielefeld
In diesem Forschungsprojekt, das an der Universität Bielefeld als Drittmittelprojekt etabliert wurde, wurden kontrastive Analysen über Biographieverläufe erarbeitet, d.h. den Einstiegsprozeß, den Verbleib und den Ausstiegsprozeß in bzw. aus christlich-fundamentalistischen Milieus und Organisationen untersucht. Aus einem Pool von 22 geführten Interviews wurden in einem ersten Selektionsprozeß 12 ausgewählt und transkribiert, um diese nach rekonstruktiv-hermeneutischen Methoden für die qualitative Interpretation narrativer Interviews zu analysieren und kontrastiv zu vergleichen. Die analytische Aufmerksamkeit war dabei gerichtet auf die Beziehung zwischen der 'religiösen Karriere' und der Biographie 'rückwärts' (motivationale Bedingungen des Einstiegs und der Zugehörigkeit) und 'vorwärts' (biographische Folgen zwischen Transformation, Sistierung und Dekompensation) und dabei besonders fokussiert auf die Veränderung und Kontinuität der Persönlichkeit, der Lebenszufriedenheit, der Handlungsfähigkeit, der Identität angesichts möglicherweise tiefgreifender Konversions- und Transformationsprozesse des Einstiegs, des Verbleibens und ggf. des Ausstiegs.
Die nun folgende Zusammenfassung der Ergebnisse stützt sich auf die einzelnen Fallanalysen, die zum Verständnis der Ergebnisse vorauszusetzen wären, hier aus Platzgründen leider nicht vorgestellt werden können.
Als eines ihrer wichtigsten Ergebnisse zielt qualitative empirische Forschung, die mit narrativen Interviews arbeitet, auf eine Typisierung der Biographieverläufe. Diese ergibt sich aus dem kontrastiven Vergleich der Fälle. Bei der Analyse der Interviews haben wir, wie dies auch die eben skizzierte Fokussierung der analytischen Aufmerksamkeit nahelegt, auf drei Ebenen oder Dimensionen geachtet:
· auf die Dimension der Zugangs- und Adaptionsweisen (Dimension )
· auf die Dimension der biographischen Folgeprozesse und Bearbeitungsweisen (Dimension ) und
· auf die Dimension der motivational-biographischen Bedingungen (Dimension ).
Die Typisierung, die in unseren Untersuchungen christlich-fundamentalistischer Biographien im Mittelpunkt steht und drei elementare Typen unterscheidet, nimmt die Zugangs- und Adaptionsweisen (Dimension ) christlich-fundamentalistischer Religiosität zum zentralen Ausgangspunkt und sucht dann nach typischen Relationen zu anderen Dimensionen: besonders zur Dimension der biographischen Folgeprozesse (Dimension ), aber auch zur Dimension der motivational-biographischen Bedingungen (Dimension ).
Wenn man bei der Lektüre der Interviews darauf achtet, wie die interviewten Personen zu ihrer jeweiligen fundamentalistisch-religiösen Orientierung gekommen sind, wie sie in ihr Milieu gefunden haben, was sie dabei geleitet hat und darauf, wie oft sie ggf. Orientierung und Milieu gewechselt haben, gewinnt man den Eindruck, daß es dabei gravierende Unterschiede gibt. Nach dem Kriterium der Zugangs- und Adaptionsweisen konnte aus dieser Beobachtung eine grundlegende Typisierung entworfen werden, nach der die einzelnen Fälle kontrastiert werden können:
A) Da ist zum ersten der traditionsgeleitete Typus (Typ A), der durch familiale oder milieubezogene mono-kulturelle Religiosität geprägt ist und seine enkulturative Einfügung als gutes Schicksal oder göttliche Fügung hinnimmt. Fallcharakteristika sind also folgende:
· Eine prägende, meist familiale, religiöse Sozialisation ist vorhanden.
· Die religiöse Sozialisation bestimmt die Zugangsweisen zu und die Adaptionsweisen an die fundamentalistische religiöse Orientierung.
· Fundamentalistisch konvertieren heißt hierbei: die überkommene Religiosität, die familial oder milieubezogen vorgängige religiöse Sozialisation, konfirmatorisch bestätigen oder intensivierend fortschreiben.
· Alternative religiöse Orientierungen kommen kaum oder nur marginal in den Blick.
· In der Regel wird man davon ausgehen dürfen, daß Ausgangspunkt für die fundamentalistische Religions-Adaption des traditionsgeleiteten Typs bereits die (zumindest subjektiv) abgeschirmte religiöse Enklave ist.
Bei diesem Typus des schicksalhaft in eine bestimmte Religion Hineinsozialisierten kann man eine weitere Unterscheidung danach vornehmen, wann in der Lebensgeschichte die schicksalhafte Enkulturation in fundamentalistische Religion stattgefunden hat. Eine frühe, familial bedingte Einfügung ist zu unterscheiden von einer in der späten Kindheit, in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter erfolgten. Weil sie nach der frühen Kindheit stattgefunden hat, muß eine solche kollektive Einfügung nicht weniger schicksalhaft sein und zur Traditionsgeleitetheit führen; dennoch wird es mit zunehmendem Alter unwahrscheinlicher, daß eine Orientierung übernommen wird, ohne daß die Wahrnehmung von Alternativen und damit der Wahlcharakter der Entscheidung deutlicher ins Blickfeld gerückt sein müßten und ernsthaft erwogen worden sind. Charakteristisch für den traditionsgeleiteten Typ ist, daß der subjektive Horizont - und auch meist der des Milieus - weitgehend geschlossen und traditionsbestimmt ist und dem Subjekt etwaige Alternativen, die es vor eine Markt- und Wahlsituation stellen würden, kaum oder gar nicht in den Blick geraten oder ausgeblendet werden.
B) Von diesem ersten traditionsgeleiteten Typ heben sich zwei weitere Typen ab, die beide als häretische oder dem Wahlzwang unterworfene Typen bezeichnet werden können. Mit 'Häresie' ist hier nicht eine Orientierung gemeint, die von der offiziell gültigen abweicht, abtrünnig wird und darum mit Sanktionen belegt werden muß, sondern im Sinne von P. Berger schlicht eine der traditionalen entgegengesetzte, moderne Adaptionsweise von Religion gemeint, die der urspünglichen Bedeutung des griechischen Wortes folgend den Zwang zur Wahl auch in Bezug auf Religion behauptet.
Die erste Variante bezeichne ich als Mono-Konvertit (Typ B). Die Fallcharakteristika des Mono-Konvertiten sind folgende:
· Eine familiale religiöse Primärsozialisation ist nicht erkennbar oder unerheblich.
· Der Mono-Konvertit ist sich der Alternativen und des Pluralismus in Sachen Religion durchaus bewußt, hat auch das eine oder andere möglicherweise wahrgenommen oder bereits geprüft.
· Der Mono-Konvertit verschreibt sich jedoch ein für allemal in seinem Leben einer bestimmten religiösen Orientierung - jedenfalls möchte er seine Entscheidung als eine solch singuläre verstehen und verstanden wissen. Konversion zu fundamentalistischer Religiosität heißt also hier: 'Entscheidung für...'.
· Konversion zu fundamentalistischer Religiosität heißt darum auch zugleich: Entscheidung gegen die bisherige religiöse Orientierung und Auffassung.
Fundamentalistische Ideologie überblendet die prinzipielle Beliebigkeit der Wahl wie die im Grunde unbestreitbare Tatsache, daß die Orientierung der eigenen fundamentalistischen Gruppe nur eine Variante im pluralistischen Angebot der Religionen ist. Diese Überblendung geschieht durch eine autoritative Überhöhung der eigenen Orientierung, die durch Theorien der Wörtlichkeit, etwa der Verbalinspiration, eine Absolutheit beansprucht, die moderne Natur- und Geisteswissenschaft - und damit besonders auch die Theologie - weit in den Schatten stellt. Daher ist es verständlich, daß auch der fundamentalistische Mono-Konvertit den Wahlcharakter seiner Entscheidung bald verdrängt und sich der Meinung hingibt, daß die eben erworbene die einzig wahre Religion sei.
C) Der dritte Typ fundamentalistischen Biographieverlaufs hebt sich kontrastiv von den anderen beiden Typen ab: der akkumulative Häretiker (Typ C). Über den häretischen Zugangs- und Adaptionsmodus des Mono-Konvertiten geht dieser leicht unterscheidbar darüber hinaus, daß die Wahl nicht nur auf eine religiöse Orientierung fällt. Daran, was hier 'Wahl' heißt, kann der Unterschied expliziert werden: Im Fall des Mono-Konvertiten wird diese Wahlentscheidung als mono-direktionale, mono-kulturelle und einmalige aufgefaßt, als Entscheidung für ein bestimmtes, eher geschlossenes und viele Lebensbereiche bestimmendes Religionssystem; im Fall des akkumulativen Häretikers wird 'Wahl' - auch vom Individuum selbst - als Auswahl verstanden und außerdem meist als selektive Auswahl, die also bei weitem nicht alle zu einer Religionstradition gehörende Details übernehmen muß. Als Fallcharakteristika können die folgenden genannt werden:
· Der akkumulative Häretiker begibt sich von einem religiös-spirituellen Milieu ins nächste und kann dabei auch verschiedenste Initiationsrituale vollziehen.
· Konversion bedeutet Aufnahmeritus, Initiationsritual in eine bestimmte religiöse Orientierung, die durchaus auch mehrfach vollzogen werden kann.
· Kognitive Widersprüche zwischen diesen verschiedenen Religionstraditionen werden wenig wahr-, zumindest nicht sehr ernst genommen.
· Offene religiöse Milieus werden bevorzugt.
· Familiale religiöse Sozialisation ist unerheblich und in der Regel nicht erkennbar.
Der akkumulative Häretiker kann in seinem Adaptionsprozeß verschiedenste religiöse und spirituelle Traditionen zugleich akzeptieren oder 'beleihen' - und er tut dies unter Vernachlässigung kognitiver, theologischer, dogmatischer Widersprüche zwischen diesen. In einigen Fällen werden dabei die verschiedenen religiös-traditionalen Anleihen und Angebote explizit in einer ontologischen Rahmentheorie verbunden; bei anderen ist eine eher vage erahnte Klammer in Gestalt einer impliziten 'Theorie' erkennbar, die die Suchbewegung leitet.
Der akkumulative Häretiker differenziert sich noch einmal in zwei Untertypen: einerseits in den sequentiell-akkumulativen Häretiker, der - teils rastlos und verhältnismäßig schnell - von einer Orientierung zur nächsten wechseln kann, also die eine Orientierung (weitgehend) hinter sich läßt, ehe er die nächste übernimmt; andererseits in den synchron-akkumulativen Häretiker, der polytrop genug ist, um zeitgleich an verschiedenen Orientierungen, Weltanschauungen und Ritualen teilzuhaben, und bei dem die Ignoranz gegenüber den teils gravierenden kognitiven Widersprüchen besonders auffällig wird. Der akkumulative Häretiker, besonders der synchron-akkumulative, bevorzugt die offenen religiösen Milieus, die - unbeschadet eines harten fundamentalistischen Kerns - für weite Peripheriebereiche des Lebens und Lebensstils großen subjektiven Spielraum lassen.
Soweit hat diese Typisierung einzig das Kriterium der Zugangs- und Adaptionsweisen (Dimension ) beansprucht, die Typisierungsaspekte der anderen Dimensionen blieben unberücksichtigt. Dies soll nun geschehen, doch ist sogleich zu notieren, daß die anderen beiden Dimensionen, die der biographischen Folgeprozesse (Dimension ) und die der motivationalen Hintergründe (Dimension ) in unserem Analyseprozeß nicht zu einer eigenen Typologie geführt haben. Sie wurden statt dessen als - etwas bescheidenere - Frage nach den Verbindungslinien zwischen den verschiedenen Dimensionen behandelt, also als Fragen an die Fälle wie diese: Gibt es bestimmte biographische, etwa familial-frühkindliche Erfahrungen, die den traditionsgeleiteten Typus prägen? Lassen sich motivationale Grundmuster identifizieren, die zu den Typen des Häretikers, einmal zum Mono-Konvertiten, ein andermal zum akkumulativen Häretiker führen? Sind typische prozeßuale Verläufe der Bearbeitung und typische biographischen Folgen für die einzelnen Typen zu erkennen?
Hier ist zunächst grundsätzlich und einschränkend zu notieren, daß selbst wenn wir bestimmte motivationale Grundstrukturen für die Affinität zu einem bestimmten Typus identifizieren können, ein Kausalitätsschluß von dieser motivationalen Grundstruktur auf die Affinität zu einem bestimmten Typus nicht zulässig ist. Solch psychologisch-deterministische Aussagen lassen die Fallanalysen nicht zu. Und selbst wenn wir bestimmte Bearbeitungswege und biographische Folgen für die einzelnen Typen identifizieren können, kann damit noch lange nicht den Typen - oder gar den entsprechenden Milieus - kausal-deterministisch und generalisierend die Zukunft vorausgesagt werden. Doch zur kontrastiven Profilierung der drei Typen gegeneinander sind die Bezüge zu den motivationalen Hintergründen und zu den biographischen Folgeerscheinungen interessant und aussagekräftig.
Im eben ausgeführten Sinne können die Einstiegs- oder Zugehörigkeitsmotive zu einer weiteren Differenzierung der Typisierung herangezogen werden. Wie sich aus den Fällen ergibt, ist die Ebene der motivational-biographischen Bedingungen (Dimension ) durchaus relevant.
Hier spielen vor allem Prägungen eine Rolle, die das Subjekt (noch) nicht zufriedenstellend verarbeiten und in die Biographie einarbeiten konnte und die immer wieder - teilweise pertinent - die Aufmerksamkeit und Energie absorbieren. Solche Prägungen bezeichne ich - etwa mit G. Noam - als Lebensthemen. Lebensthemen gehen auf - teils traumatische - Erfahrungen in der bisherigen Biographie zurück, die auch als Selbstspannungen (W. Helsper) bezeichnet werden. In einigen unserer Fälle sind beispielsweise erkennbar:
· frühe Erfahrungen des Verlusts von Inklusion und Beheimatung (etwa durch frühen Tod oder Trennung eines Elternteils),
· Defiziterfahrungen bedingungsloser Geborgenheit und Anerkennung,
· Erfahrungen, ein unerwünschtes Kind zu sein,
· schmerzliche Erfahrungen mit Tod und Trauer oder
· traumatisierende Erfahrungen mit Macht und Ohnmacht
Diese Erfahrungen haben allem Anschein nach die psychischen Ressourcen, die den Versuchspersonen verfügbar waren, überfordert und treten wiederholt in der Biographie - und in der biographischen Erzählung der Interviews - auffällig in Erscheinung.
Lebensthemen sind freilich nicht allein in frühkindlichen Erfahrungen und Prägungen festzumachen, sondern können auch in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter entstehen. Sie können dennoch oft als Niederschlag früherer Lebensthematik gedeutet werden. Als typische Beispiele können hier akute Krisenerfahrungen des frühen und mittleren Erwachsenenalters angeführt werden, von denen unsere Interviewees uns berichtet haben und die sie erzählerisch in den Zusammenhang mit dem Beginn ihrer religiösen Suchbewegung oder ihrer Konversion stellen:
· Suizidversuche (zwei unserer Interviewees berichten von einem eigenen Suizidversuch in der Adoleszenz)
· die Krise einer Ehescheidung
· die bedrängende Erfahrung der unheilbaren Krankheit und des Sterbens der eigenen Mutter.
In der fundamentalistisch-religiösen Orientierung, so die Beobachtung, wird eine Kompensation für solchermaßen pertinente Lebensthemen gesucht. Wird diese Kompensation in der neuen religiösen Orientierung gefunden, entsteht verständlicherweise eine starke Affinität. Je erfolgreicher die Kompensation geleistet werden kann, desto stärker entwickeln sich auch die Kräfte, die zum Verbleiben führen. Dies ist auch im Blick auf die Ausstiegsprozesse relevant; Ausstieg bedeutet ja ein Verlassen der mehr oder weniger erfolgreichen Bearbeitungsstrategien für die Lebensthemen.
Dennoch ist noch einmal vor einem kausal-deterministischen Mißverständnis zu warnen: Nicht alle, die den frühen Verlust eines Elternteils erlitten haben, und nicht alle, die Gefühlskälte, Unerwünschtheit und elterliche Brutalität ertragen mußten, konvertieren später in fundamentalistische Milieus; und nicht jede Ehescheidung resultiert in christlich-fundamentalistischer Konversion.
Aber interessant ist eines der Ergebnisse des kontrastiven Vergleichs: Wenn wir die Fälle danach durchsehen, welche Bezüge zwischen der fundamentalistischen Konversion, bzw. der Fundamentalismusaffinität einerseits und den Lebensthemen und Krisenerfahrungen andererseits bestehen, fällt auf, daß wir derartige Bezüge vor allem in den Erzählungen der beiden häretischen Typen, des Mono-Konvertiten und des akkumulativen Häretikers finden, während solche Bezüge in den biographischen Interviews des traditionsgeleiteten Typs weitgehend fehlen. Für die Konversion des traditionsgeleiteten Typs gehen derartige lebensthematisch-motivationale Bezüge auch aus der Sequenz- und der Erzählanalyse nicht hervor. Der Bezug auf motivationale Bedingungen und Lebensthemen ist für die Kontrastierung der Fälle also aussagekräftig und führt zu deutlicherer Profilierung.
Wie ist dieser Kontrast zu erklären? Eine umfassende und abschließende Erklärung kann hier nicht gegeben werden; es bleibt manches offen für weitere Forschung. Aber es kann die These gewagt werden, daß der Unterschied zwischen dem traditionsgeleiteten Typ einerseits und den beiden häretischen Typen andererseits entlang einer Kontrastlinie verläuft, die (soziologisch gesprochen) Milieu- und Traditionsbindung von Erlebnisorientierung, die (psychologisch gesprochen) kognitions-, überzeugungs- und moralorientierte von emotions- und bedürfnisorientierten Beweggründen und die (psychoanalytisch gesprochen) Über-Ich-Impulse von Wünschen und Es-Impulsen unterscheidet.
Zur weiteren Differenzierung können die drei Typen, die ja entsprechend der Dimension der Zugangs- und Adaptionsweisen differenziert werden, auf die Dimension der Bearbeitungsmodi und somit der biographischen Folgeprozesse (Dimension ) bezogen werden. Prinzipiell steht das ganze Spektrum von Möglichkeiten offen: von Transformation über Sistierung bis zu Dekompensation. Mögliche Bildungsprozesse, Lernchancen und Transformationsprozesse stehen der Gefahr des Stillstands und der psychischen oder sozialen Dekompensation gegenüber. Im Rahmen der fundamentalistischen Orientierung, in fundamentalistischen Milieus können Problematiken und Lebensthemen, die zur Lösung anstehen, mit einem Zuwachs oder einem Schwund von Handlungsfähigkeit bearbeitet werden. Dies hat einschneidende biographische Folgen.
Die Wege der Transformation von Religion lassen sich im Rahmen eines Modells der Transformation religiöser Stile interpretieren: Besonders deutlich begegnen uns solche Transformationsprozesse, wenn individuierende und reflektierende Zugangs- und Umgangsweisen mit Religion neu entdeckt oder wieder zum vorherrschenden Orientierungsmuster werden. Dies führt - (zunächst) unbeschadet des beharrlichen Festhaltens am Kernbestand der fundamentalistischen Ideologie - zum Widerstand gegenüber der Unterordnung unter die Lehr- und Regel-Autorität der Hierarchie der jeweiligen Gruppe, ob diese sich Apostel, Älteste oder Pastoren nennen. Der Ausstieg aus der fundamentalistischen Gruppe ist in solchen Transformationsverläufen freilich meist die unvermeidliche Konsequenz.
Wenn man unser Material nach solchen Bearbeitungswegen und biographischen Folgeentwicklungen durchsieht, entdeckt man bald, daß alle dre